Guten Rutsch aus dem frohen Neuen!

1 01 2010

Dies ist ein Blogeintrag aus der Zukunft. Hier ist es nämlich schon 2010 und das Jahr des Tigers, während ihr in Deutschland noch 7 Stunden im Jahr 2009 und dem Jahr der Kuh seid. Mir kann man also schon ein frohes Neues wünschen, während ich einen „guten Rutsch“ zurückgeben würde.

Wir sind in Kanazawa bei der Familie. Im Fernsehen läuft das Neujahrskonzert, wie jedes Jahr. Alle Stars und Sternchen treten auf und erinnern an ihre Existenz. Gleichzeitig schlagen wir uns die Bäuche mit allerlei Leckereien voll. Soeben sind wir von dem Tempelbesuch zurückgekehrt, wo die Tempelglocke 108 mal geschlagen wird. Ich hab auch einmal schlagen dürfen, wer sich ein Bild davon machen will, kann in diesem alten Blogeintrag mal gucken, der Tempel, die Glocke und die Uhrzeit sind die gleichen. Morgen gibts dann Geschenke, den Schreinbesuch (das beenden des alten Jahres gehört dem Buddhismus, das Begrüßen des neuen dem Shintoismus) noch mehr Essen und VIEL Schnee. In Kanazawa ist es Arschkalt (ein Wort, was ich hier schon diversen Leuten beigebracht habe, die sich alle über diese Merkwürdigkeit der deutschen Sprache amüsieren), und der Wettergott im Fernsehen hat mit einem Meter Schnee gedroht. Bei der Übersicht der Wetter der verschiedenen Städte gab es ein Piktogramm, was hier vorher noch niemand gesehen hatte: Nicht nur einen Schneemann, sondern einen, der geradezu im Schnee versinkt! Der Schreinbesuch morgen verspricht also Interessant zu werden!

So, zurück auf den Heizteppich und die Beine unter den Heiztisch gesteckt! Mit heißem Tee und Süßigkeiten, den dicken Socken, die mir Oma gestrickt hat und dem Kerosinofen voll aufgedreht lässt sich der Winter hier trotz Einfachverglasung und papierdünnen Wänden gut aushalten.

Also, frohes Neues, oder guten Rutsch, oder was auch immer!





Frohe Weihnachten – Merii Kurisumasu (ja, das ist japanisch)

25 12 2009

In Deutschland dauert es noch ein paar Stunden bis zur Bescherung, wir haben das schon hinter uns gebracht. Dabei gibts in Japan die Geschenke normalerweise erst am 25. morgens. Wie ihr seht, haben wir einen „richtigen“ Weihnachtsbaum, Geschenke, Kerzen und Sekt. Der Baum ist wahrscheinlich aus China, Der Sekt aus Italien, die Geschenke aus Japan.
Vor der Bescherung gabs ein wunderbares Essen in einem Izakaya, einem japanischen Restaurant/Kneipe. Jede Menge bester Fisch, Fleisch und Gemüse – verflucht, das werde ich in Deutschland vermissen. Ausserdem nostalgische japanische Schlager aus den 60ern und 70ern. Hörprobe:

In diesem Lied geht es um das Gefühl, ein Vertrauen in die Welt zu haben, wie man es nur in der Jugend haben kann. „Natsukashii“ heißt dieses Gefühl der Nostalgie, was hier in Liedern immer sehr groß geschrieben wird.

An dieser Stelle wünsche ich allen ein frohes Winterfest, egal wie heidnisch, christlich, buddhistisch oder atheistisch man es begeht. Ich bin auch ein bisschen froh, dass man im Supermarkt endlich keine Weihnachtslieder mehr hören muss (ja, auch hier!).





Ein Fussballsamstag

3 12 2009

Der Samstag gehört König Fussball. Das galt vor allem letzte Woche. Schon um 11h holte mich mein Mannschaftskapitän Tomichan mit dem Auto ab – es ging nach Toyota. Toyota ist eine Stadt in Aichi (der Präfektur, in der auch Nagoya ist), die in der Tat nach der relativ bekannten Automarke benannt ist. Hier steht das Hauptwerk Toyotas, also das Wolfsburg oder Detroit Japans. Ausser Autos werden hier aber auch Tore produziert! Im Toyota-Stadion (ich weiss, die Namensgebung ist unheimlich kreativ) spielt Nagoya Grampus Eight die Hälfte seiner Heimspiele aus. Und wir hatten Karten!

Zunächst fuhren wir etwa eine Stunde durch den Moloch Nagoya City und holten einen weiteren Mannschaftskameraden ab (Koike-kun, neben einem begnadeten Fussballer auch ein guter Musiker, wie ich nach dem hören seiner CD feststellte!). Eine weitere Stunde fuhren wir durch das ländlichere Toyota (das Stadtgebiet ist tatsächlich größer als Nagoya-Stadt, dementsprechend grün bzw. gold-gelb-rot – siehe ein Post weiter unten – ist es), bis wir schliesslich unser Ziel erreichten: Das Toyota-Stadion!

Das Stadion, dass ein bisschen aussieht wie ein gelandetes UFO, ist schön am Stadtrand an einem malerischen Fluss gelegen, der von einer futuristischen Brücke überspannt wird.

Die Einlasskontrollen waren sehr lasch, so dass wir unsere mitgebrachten (natürlich unalkoholischen!) Getränke problemlos mit reinschmuggeln konnten. Wahrscheinlich könnte man alles reinschmuggeln, weil „der Japaner an sich“ aber brav ist und keinen quatsch macht, besteht wohl kein Grund zur Sorge.

Das Stadion ist ein reines Fussballstadion, was eine Seltenheit in Japan ist. Die Tribünen sind steil und hoch, man kann von überall gut sehen. Wir waren im Oberrang der Fankurve untergebracht, von wo aus man einen prächtigen Blick auf Spielfeld und Fans hat:

(Draufklicken zum vergrössern)

Im Jahr 2001 für die WM in Japan und Korea gebaut, aber dann doch nicht als WM-Standort berücksichtigt, fasst das moderne Stadion mit Faltdach 45.000 Zuschauer. Ausverkauft ist es aber nur selten – z.B. wenn Nagoya gegen die Urawa Red Diamonds spielen. Diese sind vor allem für ihre fanatischen Fans bekannt, die in Scharen ihrer Mannschaft hinterherreisen und jedes Spiel zu einem Heimspiel machen.

Der Gegner dieses mal hiess aber nur Yamagata Montedio, ein Club der etwa 12 Autostunden von Nagoya entfernt liegt. Dementsprechend wenige Fans waren in Blau gekleidet, und trotzdem flösste mir die Treue dieser Fans Respekt ein. Seiner Mannschaft, die sportlich ungefähr den gleichen Stellenwert besitzt wie der VfL Bochum in der Bundesliga, hunderte Kilometer zu folgen, um sich 2 Stunden die Seele aus dem Hals zu brüllen – das ist wohl Fussball.

Sehr angenehm überrascht hat mich das schlanke Rahmenprogramm im Stadion. Während im Weserstadion die beiden Stadionsprecher mit dümmlichen Spielen nerven und man von Sponsorengedöns zugedröhnt wird und keine Minute Ruhe hat, haben die Fans hier wirklich noch die Möglichkeit, sich vor dem Spiel warmzusingen. Während die Spieler sich also auf dem Feld warmlaufen- und schießen, feiern die Fans schon ihre Spieler. Ich weiss nicht, ob wirklich jeder Spieler ein eigenes Lied hat, die Palette an Liedern ist aber wirklich sehr breit. Hier wird gerade Keiji Tamada gefeiert:

Auffallend ist, dass es nur wenige gibt, die nicht mitsingen -klatschen. Somit ist die Athmosphäre trotz weniger Zuschauer wirklich grossartig – auch während des Spiels. Obwohl die Fans also ordentlich einheizten, plätscherte das Spiel ein bisschen vor sich hin. Vielleicht bin ich aber auch einfach von Werder verwöhnt…

Nach 20 Minuten musste ein alter Bekannter vom Feld: Joshua Kennedy, der dem ein oder anderen Fussballbegeisterten durchaus noch ein Begriff sein könnte, konnte nicht mehr weiterspielen, nachdem er einen missglückten Befreiungsschlag aus kurzer Distanz ins Gesicht bekam.

Nach etwa 40 Minuten fiel dann endlich das 1:0 für Nagoya. Grampus war über die linke Seite gekommen, der flinke Linksverteidiger Shohei Abe passte quer in den Strafraum, und der offensive Mittelfeldspieler Ogawa machte das Ding nach einer schnellen Drehung kompromisslos flach rein.

In der Halbzeitpause gabs kein Bier, dafür hätte man nämlich ziemlich weit laufen müssen. Ausserdem war es relativ kühl, und Glühwein gibts in Japan nicht. Deswegen begnügte ich mich mit einer Halbzeitkippe (im Stadion herrscht Rauchverbot!) und trank weiter meinen reingeschmuggelten grünen Tee.

In der zweiten Halbzeit machte weiter nur Nagoya das Spiel. Yamagata beschränkte sich eigentlich darauf, weite Befreiungsschläge zu machen, vielleicht hofften sie, so weitere Spieler von Nagoya aus dem Spiel zu nehmen. In der sechzigsten Minute war es dann so weit: Shohei Abe liess auf der linken Seite 2 Spieler stehen, dribbelte in den Strafraum, spielte einen kurzen Pass auf Yamaguchi der den Ball aus spitzem Winkel am Torwart vorbeischob – 2:0! Hochverdient!

Jetzt hoffte ich als einigermaßen neutraler Zuschauer darauf, dass Yamagata jetzt das Spiel machen würde. Aber nix. Spätestens am Strafraum war Schluss, und Nagoya konnte einen weiteren Angriff aufbauen. Dies passierte aber eher bedächtlich, der Trainer Stojkovic (vielleicht auch noch dem ein oder anderen ein Begriff) liess seine Jungs kontrolliert spielen. So konnte sich keine weitere Dramatik im Spiel aufbauen, immerhin blieben die Fans ihrer Linie treu und sangen ihre Mannschaft nach vorne:

Es gab noch ein mögliches Handspiel im Strafraum und das ein oder andere Foul, was man hätte ahnden können, aber nach 90 Minuten war dann auch gut. Der Schiri pfiff ab, die Mannschaft verabschiedete sich von ihren Fans, Stojkovic hielt eine Rede in der er sich für den Support diese Saison bedankte, es war nämlich das letzte Heimspiel dieser Saison, und wir machten uns langsam auf den Weg.

Wir fuhren zu einer bekannten Hamburger-Kette und schlugen uns den Magen mit Junk-Food voll, schliesslich mussten wir anschliessend auch noch Sport treiben! Es war schon dunkel, als wir schliesslich bei unserem angestammten Sportplatz in Fujigaoka ankamen. Wir machten uns warm, was bei der Kälte auch bitter notwendig war, und ich merkte schnell, dass Konzerne, die grosse Sportveranstaltungen sponsoren, dadurch auch kein sportlicheres Essen machten… Die Burger lagen mir schwer im Magen. Als wir die erste Partie anpfiffen, legte ich also gleich mal los, liess einen Spieler stehen, legte mir den Ball zu weit vor, rannte aber noch hinterher und grätschte dem verdutzten Torwart die Pille weg ins Tor! Was für ein Start!

Danach war ich erstmal total kaputt und liess es langsamer angehen. Ich hatte ja jetzt schon den Respekt meiner Gegenspieler verdient, da muss man es ja nicht noch übertreiben. Also spielte ich ein paar Fehlpässe, brachte öfters den Ball nicht richtig unter Kontrolle und machte generell nicht zu lange Wege. Unser Gegner blieb aber hoffnungslos unterlegen.

Wenn ich mal im Tor stand (wir spielen immer mehrere Partien von jeweils 10 Minuten und rotieren durch) blieben wir gegentorlos, ohne dass ich grossartig Paraden machen musste. Ich glaube wir haben den ganzen Abend nur 3 Bälle reinbekommen, einen aber von nem Mädchen, was dann gleich 3 Tore bedeutet. Wir hatten aber auch 2 Mädels, und eine von denen hat in einem Spiel gleich mal nen Hattrick gemacht. Nich schlecht!

Ansonsten verschoss ich noch einen Handelfmeter, und schoss dem Torwart die Kugel genau in die Arme, nachdem ich bei einem Konter einen Verteidiger gekonnt hab stehen lassen. Meinen später doch noch etwas größeren Einsatz musste ich übrigens mit zahlreichen Fouls bezahlen, so dass mir nach 3 Stunden alles weh tat. Ein bisschen Rückenschmerzen hab ich übrigens immer noch.

Tomichan brachte mich nach dem Spiel nach Hause, es war schon 23h. Nach einem kurzen Bad und etwas richtigem zu Essen konnte ich sogar noch eine halbe Stunde Werder – Wolfsburg sehen. Als Mertesacker in der 90. Minute den Ausgleich machte, wusste ich: Fussball is ne feine Sache!





Viel aufzuholen… Herbst!

2 12 2009

So, über 3 Monate nix mehr geschrieben, es wird mal wieder Zeit. Jaja, eine etwas maue Einleitung nach dieser langen Wartezeit. „Moshiwake arimasen“ – es gibt keine Gründe und keine Ausreden und ich entschuldige mich aufrichtig und vielmals.

Wo anfangen? Vielleicht umgekehrt chronologisch, also das kürzliche zuerst.

Es ist Herbst! Während in Nordeuropa die Bäume schon alle nackt sind, schmeissen sie sich hier in Schale. Und weil die Natur hier (auch aus religiösen Gründen) eine große Rolle spielt, ist das ein Event. Ich schreibe das ganz ohne Ironie, und wer durch die Anlagen eines Schreins oder Tempels gegangen ist, in dem die Ahornbäume feuerrot, anderes Laub golden und der Himmel himmelblau ist, kann das nachvollziehen. Statt hier vergeblich zu versuchen, rumzupoesieren, stell ich lieber ein paar Fotos rein. Hier ist nix gephotoshoppt und sonstwas, alles original und so, wie es sich dem blossen Auge auch dargeboten hat.

Achja, ich kann ja mal wieder die Vokabel des Tages einführen! Heute:

赤い – akai – rot. Interessant: 秋 – aki – Herbst klingt sehr ähnlich, und im Kanji ist rechts das Radikal für Feuer (火) untergebracht. Passt doch!

Morgen berichte ich über meinen Stadionbesuch – versprochen!





Endlich Ruhe!

31 08 2009

Von draussen dringt nur das Rascheln des Grünzeugs im Wind durchs offene Fenster. Ab und zu zwitschert ein Vöglein, irgendwo bellt ein Hund. Aber endlich! Keine quäkenden Lautsprecherwagen mehr! Keine Megafone, keine Hymnen, kein „arigatou gozaimasu“ mehr!

Seit mindestens einem Monat fuhr hier jeden Tag ein Auto von Jiminto, Minshito oder der bekloppten Glücksrealisierungspartei (eine politische Sekte) vorbei, bedankten sich Lautstark bei allen und jedem, begrüßten alle, winkten unermüdlich und machten überhaupt viel Trara. Da lobe ich mir den Plakatwahlkampf in Deutschland, der zwar das Strassenbild verschandelt, von dem man aber wenigstens zuhause verschont ist.

Der Wahlkampf ist also vorbei, die Würfel sind gefallen. Das Ergebnis ist alles andere als eine Überraschung: Die Regierungspartei Jiminto (Liberaldemokraten) hat ordentlich auf den Deckel bekommen, die Demokratische Partei (Minshito) ist der strahlende Wahlsieger und wird die neue Regierung stellen. Überraschend ist aber weniger der Regierungswechsel, auch wenn es (fast) der erste seit einem halben Jahrhundert ist. Überraschend ist die Deutlichkeit, mit der die Liberaldemokraten verloren haben. Von den vormals 300 Parlamentssitzen, die nach einfachem Mehrheitswahlrecht vergeben werden, kommt die Ex-Regierungspartei nur noch auf 119. Sogar in Liberaldemokratischen Hochburgen oder da, wo politische Schwergewichte wie ehemalige Premierminister angetreten waren, konnte die Demokratische Partei die Mehrheit der Stimmen für sich gewinnen.

Die Unzufriedenheit mit der Regierung muss sehr gross gewesen sein, denn wirklich groß scheint das Vertrauen in die Demokraten nicht zu sein. Immerhin gab es vor einigen Monaten einen handfesten Parteispendenskandal, der den mächtigen Parteichef der Demokraten Ozawa zum Rücktritt zwang. Ozawa war früher übrigens Parteichef bei den Liberaldemokraten, und hat offenbar sehr gute „Beziehungen“ zu Bürokratie und Kapital. Und Ozawa, da sind sich alle einig, zieht die Fäden hinter  dem designierten Premierminister Hatoyama (der übrigens aussieht wie ein Frosch). Deswegen wird der Regierungswechsel wohl kaum einen Politikwechsel zur Folge haben. Also: Raider heisst jetzt Twix, sonst ändert sich nix. Wenigstens dahingehend kann man sich in Japan richtig zuhause fühlen.





Unsanftes Erwachen

11 08 2009

Heute morgen wurde ich aus dem Schlaf gerüttelt – von der Erde. Einem leichten Zittern, ein bisschen als würde man auf einer Brücke stehen und ein riesiger Lastwagen an einem vorbeifahren, folgte ein richtiges Schwanken der Welt. Die Schiebetüren klapperten zunächst, und schepperten dann richtig. Sofort war ich Hellwach, nach 10 Sekunden war der Spuk vorbei. Yuko machte den Fernseher an, wo ein Sprecher schon das Epizentrum (in Shizuoka, zwischen hier und Tokyo, also nicht so besonders weit) und die Magnitude vorlas (Im Epizentrum 6, bei uns 4)  sowie eine Tsunamiwarnung ausgab. Das sah so aus:

Heute Morgen wurden dann im Fernsehen die Schäden dokumentiert. Der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen zwischen Tokyo und Nagoya steht still, weil die Gleise nach Schäden untersucht werden müssen. Eine Autobahn ist ein Stückchen abgerutscht, einige Scheiben zu Bruch gegangen, in Shizuoka (wo das Epizentrum lag) wurden einige Gebäude beschädigt. Shizuoka ist ohne Strom und Wasserversorgung. Ausserdem gab es eine Handvoll verletzte.

Am Abend zuvor liefen im Fernseher noch die massiven Zerstörungen eines Unwetters ein ganzes Stück weiter südlich. Der Taifun Nummer 9 (die Taifune bekommen hier keine poetischen Namen, sondern werden ganz profan durchgezählt. Normal sind ca. 20 pro Saison.) hatte das Unwetter vor sich hergetrieben, und in der Gegend wo es am schlimmsten war fiel die durchschnittliche Regenmenge eines Monats in einer Stunde. Eine Frau berichtete, der Regen habe sich wie ein Wasserfall angefühlt. Bäche wurden zu reissenden Strömen, Häuser wurden weggeschwemmt. Auf dem Weg zu den Evakuierungsstellen sind einige ältere Leute und Kinder weggeschwemmt worden. 13 Tote waren gestern bestätigt, weitere 10 wurden noch vermisst.

Der Taifun war auf dem Weg zu uns. Für heute wurde gestern hier 200mm Regen vorausgesagt. Heute morgen dann die Entwarnung: Der Taifun hat sich ein Stück weggedreht und tobt sich wohl über dem Pazifik aus.

Mit ein bisschen Pech kann es also durchaus passieren, dass dir ein Taifun das Dach vom Kopf weht, die Springflut dein Fundament unterspült und gleichzeitig ein Erdbeben die Wände umkippt. Ich frage mich wie man auf die Idee kommt in einem solchen Land Atomkraftwerke zu bauen!?

Das heute Nacht war mein zweites Erdbeben hier, das erste war allerdings sehr leicht. Ich habe mich früher gefragt, wie das so ist. Jetzt weiss ich es. Die größte Sorge ist, dass das Haus zu schaden kommt, oder sogar einstürzt. Das Haus, diese Schale, die einen vor der feindlichen Natur schützt. Ein Panzer, immer da, immer sicher. Eine schlimme Vorstellung, seinen Lebensraum durch eine Naturkatastrophe zu verlieren. Ich bin froh dass nichts passiert ist, und ich bin in Gedanken bei allen, die durch eine solche Katastrophe so vieles verloren haben.





Nur kurz: Projekt fertig!

5 08 2009

Ich habs endlich geschafft: Meine Website ist fertig, ich kann jetzt mit Fug und Recht behaupten, AS3 und Papervision (muss man beides nicht kennen ;) ) zu können. Ganz fertig ist die Seite noch nicht, ein paar Sachen müssen noch gemacht werden. Aber der Hauptcontent steht, und das is das wichtigste.

Über Feedback freu ich mich natürlich!

Hier is das Ding:

www.ravemotion.de

Da ich jetzt wieder zumindest ein bisschen mehr Zeit habe werd ich hier auch bald wieder ein paar neue Berichte aus Fernost reinstellen :)





Regenzeit, Tierwelt, Projekt.

9 07 2009

Regenzeit. Schwül. Klebrig. Ein T-Shirt hält nur einen halben Tag. An Fahrradtouren oder ähnliches ist garnicht zu denken! Es regnet fast jeden Tag, mal mehr, mal weniger, mal morgens, mal abends, mal den ganzen Tag. Mit etwas Glück ist ein Tag in der Woche regenfrei, und trotzdem sauheiß. Und so geht das hier jedes Jahr für 2 Monate!

Während sich die menschlichen Bewohner Japans damit abgefunden haben, freut sich die Pflanzen- und Tierwelt nen Keks. Die Stärke der Regenfälle hat direkte Auswirkung auf die japanische Ökonomie. Fällt zuwenig Regen, ist die Reisernte mies, und an der Reisernte hängt in diesem doch so industriellen Land verdammt viel. Die Stadt mag noch so gross sein, normalerweise muss man nicht weit rausfahren um Reisfelder zu finden. Stadt und Land sind hier nicht unbedingt Gegensätzlich, vielmehr beflecken sie sich gegenseitig. Und in den Essschälchen ist Reis noch viel Präsenter als in der Nachbarschaft.

Da Reis Wasser geradezu frisst (Osmose, nä? Deswegen packt man die Körners ja auch in’n Salzstreuer) ist also halb Japan unter Wasser. Und jeder weiss, was passiert, wenn Wasser und Wärme zusammenkommen: Das Leben dreht völlig durch. Mücken und anderes Geschmeiß legt seine Eier, Grillen zirpen Heavy Metal, riesige Turbospinnen rennen wie bekloppt durch die Gegend, dicke, schwarze Käfer summen den Walkürenritt und taumeln durch die Luft, Ameisen bauen überall Autobahnen. Ich weiss das, ich bin Live dabei. Unzählige Mückenstiche. Lärmbelästigung am Abend. Abstumpfende Arachnophobie. Todesangst, von diesen gigantischen Käfern angegriffen zu werden.Ein Ameisenparkplatz im Klopapier.

Auf der anderen Seite die Räuber, die sich an dem reichhaltigen Insektenangebot laben. Frösche, die jeden Abend Jazzkonzerte geben. Fledermäuse, die hektisch und trotzdem elegant durch die Luft huschen. Krähen, die sich mit den Käfern anlegen. Noch mehr Spinnen, die immer grösser werden, immer schneller rennen, immer höher springen können. Bis auf letzteres habe ich nie Probleme mit den Räubern gehabt. Im Gegenteil. Letztes Wochenende waren wir nachts mit Hiro in einem Tempelchen mitten in den Reisfeldern. Eine Flasche Wein, Bongos, und ein Saxofon und wir haben zusammen mit den Fröschen musiziert. Dass im Dach des Tempels riesige Spinnen Jagd auf unzählige Mücken gemacht haben, die wiederrum äusserst erfolgreich Jagd auf unser Blut gemacht hatten, geriet zu Nebensache. Es gab nur uns und die Frösche.

Jetzt aber sitze ich wieder in dem kleinen Haus von Yuko. Draussen zirpt eine Grille (es ist noch früh, die Viecher proben noch im Stillen für den grossen Auftritt heute abend), und ein Vogel zwitschert ein bisschen faul vor sich hin. Ich sitze derweilen an einem ehrgeizigen Projekt, schon seit 3 Wochen: Demnächst geht meine Webseite online, mit der ich meine „Skills“ im Bereich von Webdesign/-programmierung/3D-Gelöte präsentieren will. Bis dahin ist aber noch viel zu tun. Die Regenzeit fliegt.





Nooka no asa-gohan (Japanisches Bauernfrühstück)

19 06 2009

Gestern abend hab ich in der Küche experimentiert, und dabei ist interessantes rausgekommen. Die Idee: Ur-Deutsche Küche japanisch verballhornen.

Man nehme:

  • 4-5 Kartoffeln, festkochend (gibts hier in Japan nicht, muss man aber nehmen)
  • 1 Zwiebel
  • 1 Ei
  • Sesamöl
  • Sojasoße
  • Nori (getrockneter Seetang, gibts im Asia-Shop), mit der Schere kleingeschnitten
  • Sesamkörner
  • rohen Lachs (in Streifen geschnitten) ODER
  • Speckwürfel

Erstmal die Kartoffeln schälen und vorkochen. Keine Ahnung wie lange man Kartoffeln normalerweise kocht, ich warte immer darauf, dass die Kartoffeln nicht mehr zittern, wenn man mit der Gabel reinsticht. In diesem Fall ist ein bisschen zittern aber vielleicht nicht schlecht, die Dinger werden ja noch gebraten.

Öl in die Pfanne (nicht zu viel! Das wäre zwar sehr deutsch, aber um so weniger japanisch), heiss machen, Zwiebeln rein. Bei der Speckversion kann der Speck schon rein. Bei Lachs bleibt dieser schön im Kühlschrank. Zwiebeln so lange anbraten, bis sie glasig sind. Nicht zu lange! Die sollen zusammen mit den Kartoffeln golden werden!

Kartoffel ausm Wasser, in Scheiben schneiden. Ab in die Pfanne damit! . Wenn das ganze ähnlichkeit mit Bratkartoffeln annimmt, der nächste Schritt:

Ei aufschlagen, Inhalt in ne Schüssel, Schale in den Müll (nicht umgekehrt!). Einen Esslöffel Sojasoße dazugeben. Salz und Pfeffer rein, eventuell Kräuter (sparsam!). Wer scharf mag, der mache jetzt scharf. Am besten mit was asiatisch-scharfem, kommt immer gut. Das ganze jetzt ordentlich verrühren, und SCHWUPP! in die Pfanne.

Dann sofort Herd aus! Das Ei soll nicht trocken werden. Noch klassischer wäre, das Ei garnicht mitzubraten, sondern die ganze Suppe roh darüber giessen. Das müsste auch mit frischen deutschen Eiern gehen, hier in Japan ist bei Eiern ein Zettel dabei, bis wann man die Roh essen kann. Das war bei mir vorgestern, deswegen hab ich sie mitgebraten. Trotzdem, auf gar keinen Fall trocken braten! Die Hitze der Pfanne reicht völlig aus, um das Ei genau richtig zu machen.

Das ganze gut verrühren, und ab in eine Schale (hier wird immer aus Schalen gegessen). Wer die mutige Lachsvariante gemacht hat, gibt jetzt den in Streifen geschnittenen Lachs über die ganze Geschichte. Nochma umrühren muss man nicht. Den kleingeschnittenen Nori rieselt man ebenso wie die Sesamkörner darüber.

Stäbchen in die Hand. Itadakimasu!





Kyoto protokolliert

16 06 2009

Samstag, 10:00

Der Shinkansen fährt uns von Nagoya nach Kyoto. Es ist unglaublich früh. Wir sind am Abend vorher in die Hochschule gegangen, um den Kinofilm zu Neon Genesis Evangelion zu sehen. Natürlich habe ich nichts verstanden, die Bilder waren aber schön bunt. Anschliessend Bier.

10:40

Ankunft. Riesiger Bahnhof. Der Bus fährt uns durch das Verkehrchaos zum Hotel. Kyoto ist staubig, voller Autos, und heiss.

12:00

Wir betreten den ersten Schrein. Hier und drumherum gibt es keine Staus, keinen Staub. Der Schrein schmiegt sich an einen Baumbewachsenen Hügel an, drumherum alte, niedrige japanische Häuser. In dem Schatten der Bäume ist die Luft angenehm kühl und frisch. Der Garten ist wunderschön, die schlichte Gartenarchitektur mit ihren immer wieder kehrenden Motiven Wasser, Stein, Grün einfach elegant.

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Ich gönne mir anschliessend eine Schale grünen Tee, und bewundere die leuchtenden Farben:

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Am Philosophenpfad, der sich zusammen mit einem murmelnden Bach den Berg entlangschlängelt und von Kirschbäumen gesäumt ist, spazieren wir weiter. Ein alter Mann, der uns bemalte Steine verkaufen will, befiehlt uns geradezu einen anderen Schrein statt des berühmten Nanzen-ji zu besuchen. Wir folgen seiner eindringlichen Bitte, und finden uns auf einem verwunschenen Friedhof auf einer Lichtung wieder:

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Dahinter ging ein Trampelpfad in den Wald, diverse Hinweisschilder auf giftige Schlangen waren für Yuko aber Grund genug, nicht zu weit zu gehen.

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15:00

Wir treffen uns mit Chisato, die damals mit Yuko und Ryohey in Bremen war. Dafür müssen wir wieder mit dem überfüllten Bus in das Verkehrschaos fahren. Als wir schliesslich da aussteigen, wo es am wuseligsten ist, fällt mir eine kleine Gruppe Demonstranten ins Auge:

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Ich komme mit einem älteren Aktivisten ins Gespräch, der perfekt Englisch spricht. Anlass des Protests war ein Aufmarsch von ZaiTokuKai in der Innenstadt, eine rechtsextremistische Organisation, die Ausländern die Menschenrechte aberkennt, und sie generell als Kriminell beschimpft. Ein ekelhaftes, lautes Pack, das mit der japanischen Version der Reichkriegsfahne durch die Strassen marschiert, und seine Menschenfeindlichen Parolen gröhlt. Es war der erste Aufmarsch dieser Horde in Kyoto, und war verantwortlich für einen Grossteil des Verkehrchaos. Hier ein Artikel, der über eine ungerechtfertigte Inhaftierung eines Gegendemonstranten bei einem solchen Aufmarsch berichtet. Die Nazis in Japan sind genauso widerlich wie in Deutschland…

Nachdem ich mich mit dem Aktivisten länger darüber unterhalten habe, wie unsere jeweiligen Regierungen immer noch Symbole aus der jeweiligen Nazizeit benutzen, kamen auch Chisato und ihr Freund, und wir gingen ein Eis essen. So richtig geniessen konnte ich das Eis nicht, die Nazibrut hatte mir den Appetit verdorben.

17:00

Wir gehen zu der „humid“-Ausstellung. Wie ich im letzten Post schon schrieb, fand diese in einer alten Grundschule statt. Die Atmosphäre war grossartig.

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Das alte Gebäude fand ich beeindruckender als die darin ausgestellte Kunst, aber man muss das ja auch ein bisschen als Einheit begreifen. Der Besuch hat sich auf jeden Fall gelohnt!

21:00

Mit den Künstlern noch Essen und Trinken gehen. In Deutschland würde man sagen „noch ein Bierchen trinken“ – das passt hier aber irgendwie nicht. Sauf- und Fressorgie wiederrum klingt so unkultiviert, was angesichts des grossartigen Essens nicht passt. Immer wieder toll jedenfalls.

Achja: Das Tofu in Kyoto ist das beste der Welt. Eigentlich kann ich Tofu nicht leiden, schmeckt nach nix, und hat dabei nicht die Vorzüge von anderen Sachen, die nach nichts schmecken (erfrischend oder zumindest Geschmacksverstärkend wie Mozarella). Tofu ist einfach arschlangweilig. Ausser in Kyoto. Cremig! Auf der Zunge schmelzend! Frisch! Ein bisschen Süß-Sauer, aber nur ganz dezent! Ein Gaumenschmaus. Und ziemlich teuer…

23:00

Kyoto ist die schönste Stadt der Welt.

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Sonntag, 10:00

Wir gehen zum Markt, und kaufen Fisch und Reis, den wir am malerischen Fluss essen. Dazu streiten wir uns etwa eine Stunde, weil ich keine Schuhe kaufen gehen möchte.

12:00

Wir besuchen den Kiyomizu-dera, den berühmtesten buddhistischen Tempel in Kyoto. Die Touristenmassen auf dem Weg dahin schrecken uns ab, wir kämpfen uns aber durch. Und werden belohnt. Die Tempelanlage ist sehr gewaltig. Der Haupttempel steht auf gigantischen Holzpfeilern und ist an eine Klippe angelehnt. In Japan, so sagt Yuko, motiviert man sich mit dem (ungefähren) Spruch: „Ich kann das so sicher schaffen, wie man stirbt, wenn man vom Kiyomizu-dera springt.“ Ich weiss nicht was daran motivierend ist, aber ich bin mir auch ziemlich sicher, dass man stirbt wenn man da runter springt. Wikipedia behauptet was anderes, Entschluss fällen, springen, abdämpfen, nicht sterben – ich finde Yukos Version interessanter.

15:00

Ein weiterer Tempel steht auf dem Plan, in diesem ist unter anderem ein kleiner Schrein für den Gott der Zahnschmerzen. Ich grüße ihn freundlich, und freue mich, keine Zahnschmerzen zu haben.

18:00

Wir spazieren durch einen Garten, und finden eine Horde Katzen. Ich will, dass es neun sind, aber auch nach mehrmaligen zählen bleiben es acht. Vielleicht ist eine schon gestorben?

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20:00

Wir essen in einem thailändischen Restaurant. Wenn jemand die Gelegenheit hat „Phuket“ Bier zu trinken – lohnt sich!

21:00

Eine faszinierende Gebetsprozession mit seltsamen Instrumenten in einem weiteren Schrein. Die Performance dauert etwa 2 Stunden, die Leute die über den Kiesboden laufen und nicht wissen, wie man die Sounds bei ihren Digitalkameras ausmacht, nerven. „Laut“ und „nervig“ heissen übrigens auf japanisch beide „urusai“.

24:00

Love-Hotel! Details gibts im ab-18-Bereich… Abgefahrene Sache jedenfalls.

Montag

Natur, alte Eisenbahn am Gebirgsfluss entlang, Bambuswald, Aquädukt, Schrein, Bahnhof, Busfahrt nach Nagoya… Ich überlasse euch die Ausmalung der Details. Ich kann die alten Kaiser durchaus verstehen, ich hätte mir wohl auch Kyoto als Hauptstadt und Residenz ausgesucht. Die Stadt hat das, was den japanischen Städten, die ich bisher kenne, abgeht: Grün! Sich an den Fluss setzen hat was von Bremen… Wald und Berge sind einfach wunderschön, gerade auch im Kontrast zu Beton-Nagoya. Die Tempel und Schreine sind majestätisch und elegant.

Dazu kommt noch das, was die Städte hier immer interessant macht, das pulsierende Leben, der Kontrast zwischen Hypermodern und Traditionell, und natürlich grossartiges Essen. Dieser Tofu… Eine solche Stadt zieht Touristen natürlich magisch an. Ich habe mich aber ein bisschen davon gelöst, total genervt von diesen zu sein. Ich hätte nichts dagegen, die Sehenswürdigkeiten nur für mich zu haben – ein bisschen egoistisch wäre das aber schon.