Der Japaner und das Meer sowie die Erkundung der Nachbarschaft

11 01 2008

Die Tage werden länger. Wegen des Kalenders, aber auch, weil Sie arbeiten muss. Und weil es in ihrer neuen Wohnung kein Internet gibt. Mein Geld ist schon zu einem bedrohlichen Grade in die japanische Volkswirtschaft verschwunden und wird somit früher oder später in den Händen von Toyota, unter den mächtigen Megakonzernen hier der größte, landen. Jedenfalls lässt sich mit dem wenigen, was sich noch in meinem (übrigens tadellos wieder zurückgeschickten) Portemonnaie befindet, kein ausgiebiger Internetcafébesuch mehr finanzieren. Da ich euch dennoch an meinem Leben in der Ferne teilhaben lassen möchte hab ich mir was schlaues überlegt: Ich schreibe einfach vor! Und so sitze ich in Ihrem Häuschen, das Notebook auf dem Schoß und die Sonne im Gesicht, das vom Boden reichende Fenster weit offen, so dass die von mäßiger Arbeitsamkeit zeugenden Geräusche der Nachbarschaft an mein Ohr dringen können und schreibe längliche Texte darüber, was ich gerade tue, anstatt zu schreiben, was ich schon interessantes getan habe…
Vorgestern konnte Sie zu meiner grossen Freude einen Übertag abfeiern, den sie sich an einem Sonntag erarbeitet hatte. Wir beschlossen, nachdem wir den Vormittag schön verpennten, ins Nagoyanische Aquarium zu gehen. Nach etwa einer dreiviertel Stunde Fahrt in schon in der Mittagszeit überfüllten U-Bahnen kamen wir schliesslich an dem Hafen an, wo die aquazoologischen Urväter seinerzeit das Aqaurium errichtet hatten. Neben dem winzigen Ausschnitt des Hafens fiel vor allem die majestätische Brücke ins Auge, die es Autos erlaubt, die große Bucht von Nagoya zu überqueren.

nagoyahafen1.jpg

(Brücke scheinbar irgendwie abgeschnitten…)

Kaum den Eintrittspreis bezahlt hörten wir schon die Durchsage, dass die Delfinshow gleich losgehen würde, und die Viecher lieferten eine wahrlich beeindruckende Darbietung ab. Delfine sind nicht nur intelligent, sondern sauschnell und sprungkräftig! Hinter uns saß eine deutsche Mutter mit dickem Kind, das ständig altkluge Kommentare abließ… Ich versuchte, mich nicht davon irritieren zu lassen, und sah weiter den Tieren zu.
Wir besuchten nach der Show noch die Beluga-Wale inklusive Junges, die mir hervorragende Argumente für eine relativ alte Diskussion zwischen Ihr und mir über den Walfang gab. Sie vertritt nämlich den japanischen Standpunkt: Es gibt genug Wale, es ist japanische Kultur, alles was einem das Meer anbietet zu essen, und das alle anderen Nationen den Walfang aufgegeben haben ist ja umso besser, dann gibt es ja wieder mehr Wale. Selber hat sie nie Walfleisch gegessen, weil das wahrscheinlich nicht schmeckt, würde es aber ohne bedenken tun. Sogar Delfinfleisch wäre kein Problem, wenn die Tiere so lecker wie z.B. Lachs wären. Greenpeace hat in Japan (oder zumindest bei Ihr, die eigentlich ziemlich „Öko“ ist) übrigens einen schlechten Ruf als Radikalenorganisation… Ich finde Greenpeace ja eher viel zu harmlos und zu idealistisch (im philosophischen Sinne)… Jedenfalls waren die Viecher so beeindruckend (und das Junge niedlich), und vom familiären Zusammenhang den Menschen so nahe, dass selbst Yuko zugeben musste dass es traurig wäre, wenn z.B. eine Walmutter gefangen werden würde und ihr Kind alleine würde.


Nach den intelligenten Meeresbewohnern statteten wir den Fischen, die zum Essen gedacht sind, einen Besuch ab. Enorme Schwärme von silbern glänzenden Fischchen neben bunten Quallen, seltsam durchsichtige Tintenfische und riesige Schildkröten, eine Armada von verschiedensten bunten Fischlein und bizarren Fischen mit komischen Gesichtern, ekelige Schalenviecher und ein fauler Oktopus reichten sich die Flossen. Sie stellte bei fast jedem Aquarium fest, der Fisch darin sei lecker. Jaja, so isser, der Japaner!

Wir aßen an dem Tag übrigens keinen Fisch mehr, sondern Arabisch. Eigentlich ist ausländisches Essen eher selten in Japan, was an der geringen Zahl von Ausländern liegen könnte… Trotzdem ist es immer lecker, wahrscheinlich weil es sich gegen die hervorragend ausgebildete japanische Kunst, Fisch und Meeresfrüchte zuzubereiten, behaupten muss.

Abgesehen von dem Highlight Aquarium ist nicht so besonders viel passiert. Das japanische Fernsehen ist immer noch so (schlecht) wie das deutsche, nur anders und auf japanisch, so dass ich 99% nicht verstehen kann. Ausnahme: Bleach und andere Animes. Nur leider auch auf japanisch und ohne Untertitel. Der Fernsehempfang hier ist aber ohnehin Mies:

Das könnte auch an diesem Teil liegen, was etwa 100 Meter von IHrem Häuschen (allerdings nach hinten) entfernt steht:

img_0009.jpg

(zum betrachten bitte Kopf nach links kippen)

Die japanische, kleinbürgerliche (Vor- und Klein-)Garten“kunst“ braucht sich übrigens vor der deutschen nicht zu verstecken, wie die Nachbarschaft hier beweist:

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Sehr praktisch um die Orientierung zu behalten sind übrigens die etwas größeren Häuser, die scheinbar wahllos irgendwo hingebaut wurden:

img_5237.jpg

An dieser Schule findet Sie übrigens überhaupt nichts ungewöhnliches. Naja, die deutschen Schulen sehen oft auch nicht besser aus, und entscheidend ist ja auch was drinnen passiert…

schule.jpg

Nachtrag: Ich sitze mit Ryohey in einem etwas besonderen Internetcafe, in dem man auch wohnen koennte. In der Tat ist es wohl auch so, dass viele obdachlose Jugendliche das tun… Wir haben vorher noch interessante und lustige Sachen erlebt, die ich beim naechsten Mal berichte. Es wird einen kleinen Geschichtskurs geben (Schloss in Nagoya besucht) sowie Eindruecke aus einem Allessecondhandladen…

Am Wochenende sind wir in Tokyo, danach hat Sie ENDLICH Internet und ich werde fleissig berichten. Liebe Gruesse an alle liebenden (und ich hab da einiges gehoert!)

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8 responses

11 01 2008
sarah

hallo-o!!!
supi, endlich mal wieder was von dir lesen zu können! wie lange bleibst du eigentlich noch dort??? was ist jetzt mit den wänden?
lasst es euch weiter gut gehen, bis baldi!!!
ohayo-goizamasu, gell!!! (toll, ne, was ich alles weiß?)

13 01 2008
Mädchen aus Ostberlin

Ich empfehle fisch- (und damit tier)freies Sushi. Ein Gaumenschmaus. Ansonsten lässt sich an im philosophischen Sinne radikal-idealistischen Menschen aber nur schwerlich was aussetzen, oder?! -.~

15 01 2008
soviet1917

hehe, zu den wänden hab ich jetz was in den „umgezogen“-post geschrieben. ich bleib noch bis zum 20sten also ist das hier grad meine letzte woche 😦
ich könnt dann gleich schon oyasumi-nasai schreiben, wird nämlich schon spät hier 😉

fischfreies sushi? bist du bekloppt? vielleicht gleich reisfreies sushi… tss!
was sind denn bitte radikal-idealistische menschen? das problem das ich mit dem idealismus im philosophischen sinn habe ist das er nichts an der realen (materiellen) welt ändert, sondern meint, dass ein „überzeugen“ reicht. aber überzeug mal ein unternehmen davon, dass es zwar profitabel, aber unmoralisch ist, z.b. menschen schlecht zu bezahlen oder umweltfreundlich zu produzieren… aber das schweift vielleicht zu sehr ab 😉

16 01 2008
Mädchen aus Ostberlin

Ach, gar nicht … 😉

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert Es kömmt aber darauf an, sie zu verändern.“, um es mit dem marxistischen Vers der schön blickfänglich im Eingangsbereich meiner Uni in den Stein gehämmerten Lettern zu sagen.

Also: nur Mut, die Welt gut zu denken (gern radikal-idealistisch), um sie dann zu verändern. Mensch nehme ein Quentchen Kulturoptimismus und Kosmopolitismus, eine Prise Philantropie, reichlich gesunden Menschenverstand und eine Hand voll deftige Würze. Und dabei immer schön aufpassen, dass der Nachgeschmack nicht verbittert.

So passts, denke ich. Und dass mit der Unternehmensethik ist dann ein Kinderspiel – spätestens, wenn mensch ÜBERZEUGEN kann, dass angemessene Löhne und Arbeitszeiten sich ebenso wie eine umweltfreundliche Produktion positiv im Profit niederschlagen werden. 😉

17 01 2008
viv

Geile Gartenzwerge *gg*

seit wann schlagen sich angemessene löhne positiv im Profit nieder? und umweltfreundliche produktionsbedingungen schon gar nich. teure umweltschutzmaßnahmen sind teuer. hohe löhne sind teuer. hohe ausgaben = niedrigerer profit, nech.

Außer du meinst mit überreden – so lange streiken bis es billiger wäre die höheren löhne zu zahlen als den produktionsausfall hinzunehmen.

zum idealismus sag ich jetzt lieber nix… das überlass ich Sebastian…

17 01 2008
Mädchen aus Ostberlin

Kurzsichtigkeit hat schon einigen UnternehmensleiterInnen und PolitikerInnen das Genick gebrochen. Schon mal was von langfristigen Erfolgen gehört? Lässt sich auch psychologisch begründen: positive Arbeitsmoral unter Beschäftigten und arbeitsfreundliche Bedingungen sind wohl der beste Garant für leistungsorientierte Arbeit und damit erfolgreiche Produktivität.

Und genau dasselbe trifft auch auf Maßnahmen für den Umweltschutz zu. Klar, dass gewisse alternative Methoden der Energiegewinnung erstmal in der Anschaffung teurer sind als konventionelle Formen. Aber über Jahre hinweg zahlt sich Nutzung von Solarenergie oder Erdwärme halt auch aus. Ganz einfach.

Und nicht umsonst ist der Öko-Lifestyle in den letzten Jahr so urplötzlich attraktiv geworden, nachdem ein schlauer Mensch erstmal die negativen finanziellen Auswirkungen der globalen Erwärmung errechnet hatte. Da haben sich einige Firmenbosse aber ganz schnell auf ihren Allerwertesten gesetzt und schön durchdacht, wie sie umwelt- und damit auch profitfreundlich Geschäfte machen können. ^^

18 01 2008
soviet1917

1. Nokia Bochum, Mehdorns Ankündigungen nach der Einigung mit der GDL… Das IST langfristiges Denken, allerdings mit dem Vorteil für das Unternehmen, nicht die Beschäftigten.

2. Langfristig günstiger aus Volkswirtschaftlicher Sicht, ja, aus Betriebswirtschaftlicher Sicht, nein. Folgekosten durch Umweltverschmutzung muss der Verschmutzer nicht selber übernehmen, daher kann ihm das egal sein.

3. Greenwash.

22 01 2008
bernd

@ mädchen:

fischfreies sushi? öko-göttin? die welt gut denken? attraktiver okö-lifestyle?

du bist schon n komisches persönchen…

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