Secondhand in Nagoya und das ATELIER

18 01 2008

Nach dem klassisch touristischen Schloss in Nagoya fuhren wir durch das riesige und verworrende, teilweise sogar mehrstöckige Strassennetz aus dem Stadtzentrum raus. Unser Ziel war Kimble, ein besonderer, und wie sich herausstellen sollte grossartiger Laden. Kimble ist die anglisierte Version, eigentlich heisst es kim-bul, wobei kim Geld bedeutet, und bul alt (oder umgekehrt, ich weiss es nicht). Das Prinzip ist jedenfalls das gleiche wie bei einem Secondhandladen, nur… etwas grösser.

Nach einer halben Stunde im dichten Verkehr erreichten wir die Parkplatzauffahrt, die von einem überdimensionalen Engelsfigur gekrönt war, die wahrscheinlich zum Verkauf angeboten wurde, aber zu gross war um sie in den Laden zu bekommen. Was nicht heisst das der Laden klein ist – im Gegenteil! Um zumindest mal den Bremern einen Vergleich zu geben: Das E-Center im Walle-Center. Nur ohne Lebensmittelabteilung. Stattdessen mit ungefähr allem was man sich vorstellen kann. Und die Preise… Unglaublich:

– Tadellose Sofas ab 1000 Yen (6 Euro)

–  einen Mantel für 300 Yen (1,80 Euro)

– ein T-Shirt für 50 Yen (30 Cent)

Ausserdem Tische, Schränke, Grossvateruhren, Videos (sogar einfache Videokasetten auf denen irgendwas aufgenommen wurde!), (alte oder trashige) DVDs, Schallplatten (80er J-Pop… Yay!), Spintwände, Subwoofersysteme fürs Auto, Videospiele, Geschirr, Klimaanlagen, Autoradios, (teilweise unidentifizierbares) Handwerkszubehör, Zippofeuerzeuge, Sportgeräte, ………

Für Flohmarktfreunde, Menschen, die nicht an Sperrmüllhaufen vorbeigehen können, oder einfach Sammelwütige und Messis DER TRAUM. Blöderweise waren mir die meisten Klamotten zu klein und ich hatte wenig Bedarf für Möbel oder sonstiges Zeuch… Immerhin habe ich zwei Gläser für insgesamt 40 Yen gekauft, weil ich am Morgen beim Spülen eines zerbrochen hatte. Danach war jedenfalls mein mühsam aufgebautes Verständnis für die Preise in Japan zerstört. Als Sie am nächsten Tag stolz ein in der Stadt gekauftes Oberteil für 2000 Yen präsentierte rief ich aus: „Was, so teuer!?“… Dabei ist 12 Euro echt ok 😀

Noch erschüttert stieg ich wieder zu Ryohey ins Auto. Die Rushhour hatte begonnen, und so quälten wir uns mühsam durch die grossen Strassen, bis wir die nur Ryohey bekannten Schleichwege fanden.

Wir trafen uns mit Ihr, die gerade Feierabend hatte, und Jin am Bahnhof von Nishiharu und gingen Essen. Wir wollten danach noch etwas trinken gehen, das gestaltet sich in Japan aber wirklich schwierig: Es gibt keine Nachtlinien, und Japan verfolgt eine strikte Null-Promille-Politik. Sie war von der Arbeit erschöpft, und wir brachten sie nach hause. Dann fuhren wir zu Ryoheys Atelier, etwa eine halbe Autostunde von Nishiharu entfernt. Wir deckten uns in einem der zahlreichen 24-Stunden Convenient-Stores mit Bier ein (warum haben die Geschäfte solange geöffnet, die Bahnen aber nicht?), und gingen am Fluss entlang zum sehr schön gelegenen Atelier, das, wie es sich für ein Atelier geziemt, äusserst spartanisch eingerichtet ist: Ein leerer, weisser Raum, in dem Ryohey seine Skulpturen erstellt, ein Flur zu einer ungenutzten und vermüllten Küche und dem Planungsraum, ausgestattet mit einem Tisch, einem Stuhl, einer Lampe und einem Ofen sowie einem grell-roten Sofa zum Entspannen. Und da saßen wir dann also, wärmten uns am in Japan obligatorischen Kerosinofen, schlürften (leckeres) japanisches Bier und philosophierten über Kunst und die Unmöglichkeit mit ihr Geld zu verdienen, Japan, und seinen Lifestyle. Neben Arbeit spielt die Entertainmentindustrie eine grosse Rolle, es gibt tausende gigantische Betonklötze, in denen man seine (spärliche) Freizeit mit Pachinko, Karaoke, Sport (Golf), Videospielen und vielen anderen sinnlosen Dingen verplempern kann. Eine Propagandaverschwörungstheorie besagt übrigens, dass die Pachinkoindustrie in der Hand Nordkoreas ist… Sehr lustig 🙂

Schon bald war es Zeit zu gehen, der letzte Zug kommt wie gesagt unweigerlich früh.

Wir gingen zurück in den Regen, aus dem wir gekommen waren, Ryohey fuhr uns zum Bahnhof. Etwa 20 Minuten später war ich wieder bei Ihr, die noch wach war.

Heute ist die Eröffnungsparty einer Ausstellung am anderen Ende Nagoyas, ich muss gleich los. Morgen ist schon der vorletzte Tag. Sie hat frei, ich werde also aus Japan wohl nichts mehr schreiben können. Da ich ein wenig hinterherhinke werde ich also aus Bremen weiterberichten. Es fehlt immerhin noch Tokyo, sowie die Ereignisse aus dieser Woche.

Also, Danke an alle LeserInnen (!) und KommentiererInnen! Man sieht sich ja demnöxt 🙂

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