April April!

2 04 2009

Jaja, manche haben es sofort gemerkt (und mussten es natürlich gleich laut rausposaunen!), ich hab aber durchaus authentisch besorgte Reaktionen bekommen. Den Urhebern dieser sei gesagt: KEINE SORGE, ICH WERDE NICHT ABGESCHOBEN! Ich weiss, ich bin gemein, aber am ersten April sollte man gerade solchen Geschichten weniger glauben schenken als normal.

Nun zum Körnchen Wahrheit: Ich war vorgestern tatsächlich im Stadtteilrathaus, in dem sich eine grosse Amtsstube befindet, bis oben gefüllt mit Beamten, Anträgen, wartenden Antragsstellern. Und es spricht wirklich keine Sau englisch!

Die Anmeldung (Alien Registration) verlief trotzdem einfach (wenn man von den Problemen absieht, die ich dem Beamten mit meiner krikkeligen lateinischen Schrift gemacht habe absieht), vor allem auch dank Shoko, die zwar immer noch kaum englisch spricht, mir aber das Amtsjapanisch mit Händen und Füssen erklärt hat. Sie verdient dafür auf jeden Fall diverse Orden, wenn ich welche verteilen könnte.

Die Sprachprobleme holten uns dann schliesslich doch ein: Eine etwas übereifrige Beamtin meinte, mich auf die Krankenversicherungspflicht für Ausländer, die ein Jahr oder länger in Japan bleiben, aufmerksam machen zu müssen. Das habe ich aber erst nach ungefähr einer halben Stunde verstanden, die die arme Shoko, die Beamtin und mich zur Verzweiflung gebracht hatten.

Den Hinweis, dass ich schon Krankenversichert bin, sogar für ein Jahr und Ausland und so, interessierte die gute Frau wenig. Sie las mir (!) aus dem Gesetzestext (!) vor, in dem das mit dem Jahr oder länger usw. stand.

Die Krankenversicherung hätte 50.000 Yen gekostet (~400€), weswegen beide Seiten auf ihren Positionen („Ich brauche keine weitere Krankenkasse!“ – „Sie brauchen eine weitere Krankenkasse!“) beharrten.

Klärung brachte schliesslich die deutsche Botschaft, deren Nummer ich glücklicherweise in meinem Handy eingespeichert habe. Der Knackpunkt war das „Ein Jahr oder länger“. In meinem Visum steht nämlich, dass ich vom 2. März 2009 bis zum 2. März 2010 aufenthaltsberechtigt bin. Das ist ein Jahr, und somit einen Tag länger, als ich ohne japanische Krankenversicherung hier sein dürfte. Also habe ich der (ob der Problematik übrigens sehr erstaunten) Botschafterin erklärt, dass ich ja schon früher abreise, und dass die Angabe im Visum ja nix mit meiner faktischen Aufenthaltsdauer, sondern nur mit der Berechtigung zu tun habe, und ich bestimmt nicht „ein Jahr oder länger“ bleibe, sondern höchstens 364 Tage. Die Botschafterin übersetzte das in Amtsjapanisch, die Beamte sagte einige male „Wakarimashita, sumimasen, hai!“ („Ich verstehe, Verzeihung, jawohl!“), und die Botschafterin teilte mir mit, dass die Argumentation gezogen habe.

Äusserst erleichtert verliessen wir den Ort des Grauens, und von diesem Tag an war ich sowohl der deutschen Botschaft als auch Shoko EINIGE Biere schuldig.

Aber stellt euch mal vor, man hat als Ausländer in einem fremden Staat wirklich irgendwelche Visumsprobleme? Stellt euch vor, vor euch sitzen irgendwelche Beamten mit Gesetzestext in der Hand, und erzählen dir, dass du jetzt wieder in deine Heimat zurück musst, möglicherweise, nachdem du hier schon dein neues Leben erfolgreich begonnen hast, eine Stelle, eine Wohnung, Familie hast…

Seit Wochen geht hier der Fall der Familie Calderon durch die Medien (kurze Zusammenfassung auf englisch hier). Die Calderons waren vor 15 Jahren unter falschem Pass nach Japan eingereist, haben hier aber ein neues Leben angefangen, und eine Tochter bekommen. Diese ist jetzt 13, spricht nur japanisch und fühlt sich als Japanerin. Die Behörden haben von den falschen Pässen Wind bekommen, und haben gedroht, einfach alle (inklusive der Tochter) abzuschieben. Unter diesem Druck haben die Eltern jetzt „zugestimmt“, ihre Tochter zurückzulassen und „freiwillig“ zurück auf die Phillipinen zu gehen. Immerhin ist Japan so grosszügig, von der 5-Jahres Einreisesperre AUSNAHMSWEISE für kurze Besuche der Tochter abzusehen. Scheisse sind die nett.

Naja, zum Glück musste ich nicht unter falschem Pass einreisen. Es gibt aber genug Menschen auf der Welt, die dem gewaltigen Staatsapparat aus Beamten, Papieren, Gesetzen und Polizisten mit ihren Gefängnissen kein Stück Papier entgegenzusetzen haben, auf dem steht, dass sie auf genau DIESEM Flecken der Erde leben dürfen. Is das bekloppt oder nich?

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One response

2 04 2009
Jörg

Moin, wie man im Norden sagt 🙂

Ich bin nicht sofort darauf gekommen, dass es ein Aprilscherz war. Ich hatte schon fast ein wenig, ein ganz klein wenig Mitleid mit Dir 😉

Davon abgesehen gibt dieser kleine Exkurs in die Bürokratischen Tiefen einen schönen Einblick, wie man sich ungefähr fühlen muss wenn man selbst der Ausländer in einem fremden Land ist, dessen Sprache man kaum oder überhaupt nicht beherrscht.

Ich hoffe doch, dass Du weitere Konfrontationen mit den japanischen Gesetzestexten umgehen kannst und den Aufenthalt in vollen Zügen (Doppeldeutigkeiten gewollt) genießen wirst.

Grüße ausm sonnigen Norden bei ca. 8° um 9:30
Die Kirschblütenbilder dann bitte mit etwas mehr Schärfe!

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