Ohanami!

6 04 2009

Endlich! Die Kirschblüte ist fertig! Japan dreht wie jedes Jahr durch, was ich bisher mangels praktischer Erfahrung nie so richtig nachvollziehen konnte. Nach diesem Wochenende finde ich den Kirschblütenhype aber doch verständlich und gut nachvollziehbar.

Am Freitag war ich in der Stadt, um das Arbeitsamt für Ausländer zu besuchen (noch nix gefunden). Alles sehr busy, und die Sakurabäume, die an jeder Ecke stehen, wirken ein bisschen verloren, wie… rosane Kirschblüten in einem Betonmoloch wie Nagoya nunmal wirken.sakura in nagoya

Auf dem Rückweg bin ich durch den Shonai Ryokuchi Koen spaziert (dessen Name ich mittlerweile ohne Copy & Paste beherrsche). Ich liess mir gemütlich die Frühlingssonne beim schlendern ins Gesicht scheinen, als ich plötzlich in einem hellrosanen Wald (um ehrlich zu sein eher  Wäldchen) stand. Der Blütenduft, das zarte Rosa, der Sonnenschein – wie Frühling!

sakurainryokuchi1

Am abend stellte sich eine leichte Ernüchterung ein, als der Wetterfrosch im Fernsehen für den Samstag Regen vorraussagte. Das wahrscheinlich einzige richtig gute Ohanamiwochende sollte also verregnet sein – ein Graus! Wir liessen uns davon aber nicht einschüchtern, und gingen todesmutig am Samstag morgen (naja, mittag) in den Park, um ein schönes Picknickfrühstück abzuhalten. Im Park war schon ordentlich was los: Auf einer grossen Wiese lagen dutzende grosse Plastikplanen, auf denen grillende, trinkende, sich vergnügende Menschen saßen. Kinder tollten zwischen den Kirschbäumen, Omas liessen sich in ihren Rollstühlen durch die Gegend schieben, Vögel zwitscherten in den fluffigen hellrosa Bäumen. Niemand störte sich an dem bisschen Nieselregen, so muss es sein!

Am Abend war ich mit Ryohey verabredet, das nächste Highlight wartete: Yozakura (also das betrachten der Kirschblüte bei Nacht)! Wir fuhren an den Gojogawa (der Fluss, der an einer Stelle gerade kaputtgemacht wird), an dessen Ufer 10.000 Sakurabäume gepflanzt sind. Unter den Bäumen herrscht Volksfest: Eine Bude reiht sich an die andere, um Dango (Snacks und Süßigkeiten) zu verkaufen, das Sprichwort „sakura yori dango“ (Die Kirschblüten sind wichtiger als die Leckereien), störte keinen. Wir genossen also auch einige Leckereien und liessen die über dem Fluss hängenden und von Scheinwerfern beschienenen Kirschblüten auf uns wirken. Einziger Wermutstropfen war der Regen, der zwar einen Grossteil zur schönen Athmosphäre der Sakura im Scheinwerferlicht beitrug, aber halt auch nass und kalt war.

Wir wärmten uns in Ryoheys Atelier auf und begossen unsere trockenen Kehlen mit Bier, und diskutierten über Kunst, Krise, Kapitalismus und Kulturunterschiede, bis der letzte Zug kam.

Am Sonntag war es dann nicht so leicht aufzustehen, dabei waren wir doch mit Shouko unter den Kirschbäumen des Gojogawa zum Zechen verabredet. Mit Bier und Sushi im Gepäck radelten wir also den Fluss entlang, und die Tatsache, dass Shouko auf dem Gepäckträger saß und mich zu grösserer Eile antrieb, gab mir endlich mal die Gelegenheit, den Satz „boku wa uma janai!“ (ich bin kein Pferd!) zu sagen.

Sakura am Gojogawa

Im Laufe des abends trafen wir übrigens zufällig Ryohey, sowie Hiro und Yo und einen weiteren, dessen Name zu lang zum merken war. Der Mond schien durch die Kirschblüten auf das Flussufer, an dem wir saßen und Dango und Biiru genossen.

Später gingen wir noch gegrillte Innereien essen (mit denen ich mich immer noch nicht anfreunden konnte), und in einem chinesischen Restaurant einen Likör trinken, der stark nach Sojasoße schmeckte.

Ohanami ist hier wirklich high-life. Der Grund ist, dass zur gleichen Zeit, wie die Kirsche blüht (die übrigens keine Früchte trägt), auch das neue Schul- und Arbeitsjahr beginnt, das heisst Alteingesessene und Novizen kommen zusammen, und können sich Saketrinkend unter den Kirschbäumen kennenlernen. Abgesehen davon kann man sehr schön über Leben und Tod nachdenken, während man ins nur so kurz andauernde Rosa blickt.

Heute abend rief mich übrigens Jin an, ob ich nicht mit in einen Park kommen möchte, ein bisschen Ohanami feiern. Ich glaube aber ich brauch mal ne Pause… So viel Spass wie das saufen unter Kirschbäumen auch macht, der Kater am nächsten Tag ist der gleiche wie ohne Kirschblüte.

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6 responses

6 04 2009
Jan

Bei dem Biergenuss und faulen Arbeitsweise sind sie eher ein Koberind als ein Pferd!

7 04 2009
Georg

Hi Sebastian!
Kater überwunden? Hier blühen die Kirschbäume (die zum Essen) auch schon, recht früh dieses Jahr. Haben sogar ohne Jacke auf der Wiese gesessen, fast sommerlich 🙂
Hier ein schöner Link zum Japanisch lernen:

(HOW TO SPEAK FLUENT JAPANESE WITHOUT SAYING A WORD)

7 04 2009
Georg

P.S: Schöne Fotos!

8 04 2009
Päddel

Jetzt weißte mal wie ich mich immer fühle! Save a horse, ride a Päddel…

8 04 2009
Anonymous

ach, sebi, deine schreibe ist einfach klasse- die fotos ebenfalls erfrischend lebendig. so soll es sein! just fängt es auch hier an zu nieseln, der himmel zieht sich gelb grau zusammen, na denn… .sonnige grüße aus der höhle des herzen , dein schwesterlein

10 04 2009
klemensalff

Auch in Bremen stehen versteckt etliche japanische Kirschbäume, Fedelhören, Mathildenstraße und sicher noch anderswo. Halt ne Seehandelsstadt. Auf der Mathildenstraße steht im oberen Abschnitt sogar ein mir namentlich unbekannter riesiger, den Fenstern das Licht nehmender Baum aus Japan, der in Europa der einzige ist.

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