Von Punkrock und blutenden Ohren

11 05 2009

Gestern war ich mit Rumichan auf einem Konzert in einem kleinen Liveclub im für Nagoya verhältnismäßig alternativen Stadtteil (Shin-)Sakae. Rumichans Freund (hier mit einer eigenwilligen Version von „Ich mache jeden Tag ein Foto von mir“) ist der Bassist von BIBIBIBI, und ein sehr lustiger und cooler Typ.

Der Liveclub ist nicht besonders gross, für 100 Leute wirds schon sehr eng. Eintritt und Bier sind nicht gerade günstig (~20€/4€), dafür gibt es 5 Bands zu bestaunen.

Die erste Band (wahrscheinlich HELLOWORKS) besteht nur aus Mädchen, die einen sehr unmädchenhaften Auftritt hinlegen. Hardcorepunk vom feinsten: So schnell, dass man die Riffs gerade noch voneinander unterscheiden kann, und so laut, dass man ansonsten auch keine Einzelheiten wahrnimmt. Dazu noch veritables Gekreisch, und fertig ist die Laube.

Bühne frei für BIBIBIBI! Die 3 Jungs machen schnell klar, dass sie eine andere Leier spielen als den Brutalapunk der Vorband. Natürlich auch laut, und auch schnell, Punk bleibt Punk. Dieser hier ist aber ideenreich, mit vielen glitzernden Einfällen, kreativ und „unique“. Die Lyrics würde man sogar verstehen, wenn man sie verstehen würde, und der besagte Bassist geht ab wie Schmitz‘ Katze. Das Publikum ist leider so lethargisch wie in Bremen, fehlt eigentlich nur dass einer in der ersten Reihe gemütlich sein Fischbrötchen isst. Eine Schande bei dieser energiegeladenen Musik, der positiven Ausstrahlung der Band, den grossartigen musikalischen und darbieterischen Ideen. Cool fanden es trotzdem alle, und die Demo-CD wollte wirklich jeder haben (ich auch 😉 ).

Dass das Spiel mit dem Publikum eine Kunst für sich ist, beweist die nächste Band, 6eyes (im Video weiter unten leider nicht dabei!). Der Sänger sieht mit seinen in den Augen hängenden Haaren ziemlich bräsig aus, und sein auf-der-Bühne-abgehen ist ziemlich selbstverliebt, er schafft es aber trotz streckenweiser mediokrer musikalischer Darbietung das Publikum aufzuwecken. Ständig geht er ins Publikum, hält Zuschauern das Mikro unter die Nase, säuft einem Mädchen das Getränk in einem Zug weg, und fegt schliesslich einen Tisch leer und setzt sich drauf. Das ist natürlich wieder so Rock’n’roll dass man irgendwie doch mitgehen muss.

Günstige Vorraussetzungen für die nächste Band (wahrscheinlich EKODAMUDO), doch der Steilpass von 6eyes, das Publikum warm zu spielen, wird nicht nur liegengelassen, nein, EKODAMUDO rennt zu seinem Mitspieler und haut ihm voll in die Fresse! Das ist zwar auch irgendwie Rock’n’Roll – aber ein bisschen mehr als SEHR SEHR laute Rückkopplungen und schlechtes Rythmusgefühl braucht es dann doch irgendwie. Schade eigentlich, die Miniband (1 Typ [Gitarre], 1 Mädel [Drums]) bringt durchaus Showpotential auf die Bühne. Sie, mit rosa Püscheln im Haar, gibt den Master of Ceremony, erzählt bekloppte Geschichten, berichtet über ihre sexuellen Vorlieben etc., während er mit Fake-Tatoos, einer ziemlich lässigen 80er Sonnenbrille und V-Gitarre aufwartet und den coolen, zurückhaltenden Gegenpart zu seiner schrulligen Partnerin gibt. Aber das mit den Rückkopplungen zwischen den Songs geht echt garnicht! Achja, die Dame hat es geschafft, 2 Basedrumpedalen innerhalb einer halben Stunde zu schrotten. Vielleicht wurden es noch mehr, ich musste irgendwann dann aber doch raus, meinen Ohren eine Pause gönnen.Wenn selbst Hardcorepunks sich die Ohren zuhalten, ist irgendwas falsch.

Als die letzte Band (GASOLINE) auf die Bühne tritt, ist der Saal schon halbleer. Die Jungs und Mädels lassen sich davon nicht im geringsten stören und erweitern die Bühne einfach ins Publikum rein. Eine hervorragende Idee, um die Distanz zwischen Publikum und Band zu minimieren. Vielleicht wäre das aber garnicht nötig gewesen, denn so furios, wie der Frontmann abgeht, das Publikum mitreisst, alle sich hinsetzen lässt, zum Mitsingen zwingt, zum Pogen animiert, die Hommagen an Elvis (Glitzeranzug mit Fransen!) und Jimi Hendrix (Gitarre mit den Zähnen!), das sehr enge Glitzeroutfit (natürlich in USA-Farben) der Bassistin, das tierische Abgehen des Drummers (brauch sich hinter Animal nicht verstecken) – grosses Rock’n’Roll Mixed-Tennis!

Hier das ganze für Lesefaule:

Ich hab heute Nachmittag übrigens immer noch ein ständiges Fiepen im Ohr. Mir wurde mal gesagt, dass man diese Frequenz nie wieder hören können wird. Ist mir ehrlich gesagt egal, mir hat diese Frequenz gestern weh getan! Saucool wars trotzdem 🙂

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Der internationale Kampftag der Arbeiterklasse in Nagoya!

2 05 2009

Gestern habe ich es tatsächlich geschafft, das ernüchternde Fussballspiel um halb 4 nachts mit der Demo um halb 10 zu verbinden!

Die Demo ist eher bunt als rot

Die Demo ist eher bunt als rot

Aber eben auch sehr Phantasievoll...

Aber eben auch sehr Phantasievoll...

Und Phantasievoll dazu!

Rote Fahnen gibt es aber auch...

Die Kundgebung teilt sich in alle Himmelsrichtungen in verschiedene Demozüge auf, ich glaube aber der Grund dafür sind nicht politische Differenzen, sondern vielmehr die Überlegung, die riesige Stadt auch wirklich auf sich aufmerksam zu machen.

Die Demonstranten sind sehr darum bemüht, den Verkehr nicht zu behindern. Es wird ganz am Rand der Strasse gelaufen, und bei roten Ampeln wird brav gewartet. Aus an der langen Demoschlange verteilten Lautsprecherwagen werden Forderungen vorgelesen, die dann von den Demonstranten eher halb-enthusiastisch nachgerufen werden.  Viele Forderungen habe ich nicht verstanden, aber die, die ich verstanden habe waren durchaus Vernünftig: Weniger Überstunden, Karoshi (Tod durch Überarbeitung) stoppen, Entlassungen stoppen.

Richtig viele Leute waren übrigens nicht da – ich schätze mal 10.000, und das ist möglicherweise grosszügig. Aber der erste Mai ist hier auch kein Feiertag, wenn er auch zwischen diversen Feiertage liegt (sowas gibts hier tatsächlich doch! Feiertage!) und sich viele Japaner freinehmen, um irgendwo hin zu fahren. Golden Week nennt man diese Ansammlung von Feiertagen, ein Highlight ähnlich dem Kirschblütenfest.