2009: Odyssee in Nagoya

2 06 2009

Gepackt von Langeweile und dem Wunsch nach einer Herausforderung habe ich gestern beschlossen, mich auf mein  Fahrrad zu schwingen und so lange den Gojogawa raufzuradeln bis ich keinen Bock mehr habe. Gedacht, getan. Die Umstände waren durchaus angenehm, eine kühle und nicht zu steife Brise wehte, die Sonne wärmte, ohne zu brutzeln, die Kirschbäume spendeten brav Schatten und der Fluss murmelte vor sich hin.

Das liess sich gut aushalten, und so dauerte es ein paar Stunden, bis ich dem Fluss überdrüssig wurde. Ich war so weit in den Norden gefahren (Kitanagoya, mein Basecamp, ist ja schon weit im Norden von Nagoya), dass die ersten Ausläufe der Natur sichtbar wurden: Der Inuyama, schon früher einmal Ziel eines Ausfluges (damals allerdings per Auto), schien nah genug, um ihn mal zu besteigen.

Vom Fluss aus war es dann doch noch ne halbe Stunde, und so langsam machte sich der Sattel bemerkbar. Doch schliesslich hatte ich mein Ziel erreicht. Die Stadt hörte tatsächlich auf. Natürlich gab es noch einen Asphaltweg, und da, wo der Berg nicht zu steil war, war die Erde auch kultiviert. Aber keine Autos, keine Menschen, enorm viel Grün. Der Weg wurde bald zu steil, und ich musste schieben, um nicht umzukippen.

Der Weg endete mit einem Schild, dass ich nicht entziffern konnte. Ich drehte mich um, und genoss die Aussicht: Da unten war tatsächlich die Stadt, soweit man blicken konnte. Und ich war hier oben. Das Summen der Stadt, das Rattern der Bahnlinie, das Heulen der Motorsense eines Landarbeiters, das Dröhnen der Flugzeuge wurde übertönt vom Zwitschern der Vögel, Zirpen der Insekten und Rauschen der Blätter.

Ich setzte mich ins Gras und liess mir die Sonne ein bisschen ins Gesicht scheinen. Neben mir wimmelten Ameisen, ein riesiger Käfer landete auf meinem Bein und liess mich aufschrecken. Ausserdem wurde ich von einer Mücke gestochen, die wahrscheinlich sonst auf Bären oder Elefanten losgeht. Die Tierwelt hier gleicht der unter einen roten Sonne (wer die Anspielung versteht bekommt 100 Fantasy-Nerd-Punkte). Nach einer halben Stunde hatte ich genug, und bekam langsam Hunger. Also machte ich mich wieder auf den Rückweg.

Um stumpfe wiederholung zu vermeiden, habe ich mir angewöhnt, möglichst oft eine andere Route zu gehen. So auch diesmal. Als ich wieder in der Zivilisation war, nahm ich also eine Abzweigung, um ein bisschen Schräg auf den Fluss zu kommen, den ich zu Navigationszwecken unbedingt brauchte. Ich war ein bisschen beunruhigt als ich nach einer Dreiviertelstunde immer noch keinen Fluss gefunden hatte. Ich blickte mich zur Orientierung um, und war verwirrt. Da war auf einmal noch ein Berg, den ich auf dem Hinweg nicht gesehen hatte. Nach der Sonne zu urteilen musste meine Richtung ungefähr gestimmt haben. Ich fuhr einfach weiter in die Richtung, in der es am wenigsten Berge gab, da musste ja das Meer sein, also auch die Innenstadt, also auch die Wohnung.

Schliesslich fand ich einen Fluss, dem ich Stromabwärts folgte, doch war das eindeutig nicht der Gojogawa. Keine Kirschbäume am Ufer, ein bisschen kleiner, komisch. Aber alle Flüsse fliessen ins Meer, also wusste ich, ich werde irgendwann irgendwo ankommen.

Der Fluss führte mich direkt zum Militärflughafen. Da floss er dann durch einen stacheldrahtbewehrten Zaun, den ich nicht unbedingt überqueren wollte. Völlig ohne Orientierung überlegte ich. Sollte ich die Strasse nach links nehmen oder nach rechts? Wie sich später herausstellte, traf ich die falsche Entscheidung. Ich war an der einen Ecke des Flughafens gelandet, und hätte nur noch die kurze Seite umrunden müssen, und wäre schon fast zuhause gewesen. So fuhr ich aber den Flughafen an der langen Seite entlang, und so ein Flughafen ist wirklich sehr lang.

Irgendwann hatte ich das Ende der Rollbahn erreicht, bog ab, und fuhr ziemlich lange gerade aus, ich wusste, die Richtung müsste ungefähr stimmen. Der Sattel hatte aufgehört sich bemerkbar zu machen, mein Arsch tat einfach nur noch weh. Ich fuhr weiter. Weiter, immer weiter. Da war schon die Hochstrasse – aber in welcher Höhe war ich? Einfach weiter geradeaus. Dann irgendwann ein Fluss – nicht der Gojogawa, aber da war ein Schild: Kitanagoya! Ich war zumindest in der richtigen Gegend.

Trotzdem fuhr ich nochmal falsch, war irgendwann schon fast in Kamiotai, also an der Grenze zur Innenstadt, als ich meinen Fehler bemerkte. Umgedreht, weitergefahren. Irgendwann endlich bekannte Hochhäuser entdeckt. Wenn diese Stadt nicht dreidimensional wäre, ich hätte keine Chance gehabt.

Nach 2 Stunden Radtour und ca. 5 Stunden Odyssee war ich tatsächlich wieder zu Hause. Mann war ich feddich. Mein Muskelkater heute ist übrigens phänomenal.

Hier hab ich mal Start und Ziel markiert. die Route war natürlich ganz anders, den Flughafen sieht man unten in der Mitte.

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3 responses

3 06 2009
sarah

mein lieber sebi,
gebannt lauschte ich wieder deinem wort. welch schöner bericht!!!
das war doch mal ein echtes abenteuer!
wie gerne wäre ich ein stück des weges mitgeflogen ( nicht geradelt) ! vielleicht auch um zu überprüfen, wie sich dein gesichtsausdruck genau den jeweiligen situationen verhalten hat oder wie die worte klangen, die da so über deine lippen kamen. aber und also meine romantik-ader hast du mit dieser version jedenfalls wieder astrein getroffen-vielleicht also umso besser, das ich nicht live dabei war…? ach schade, die anspielung mit der roten sonne verstehe ich natürlich mal wieder nicht und alex kann sie mir nicht verraten, weil er mal wieder in berlin weilt… schade, blöh, verräts du sie noch???
liebe grüße aus einer wiesbadener sommernacht direkt nach japan

5 06 2009
Jörg

hi sebastian,
das nenne ich radtour! beim nächsten ausflug fährst du einfach mal in die andere richtung, ans meer 😉 dafür solltest du dann ein paar stunden mehr einplanen.

grüße ausm sonnigen bremen
jörg

5 06 2009
soviet1917

das würd ich sogar wirklich gern mal machen! leider würds nur bis zu dieser bucht reichen, wenn ich richtig zum pazifik wollte wäre es genausoweit wie bis zum japanischen meer.
rainhard (der die 100 punkte übrigens eingefahren hat) hat mir empfohlen, einfach mal ne tour nach tokyo zu machen. keine schlechte idee wie ich finde! mal sehen, vielleicht mach ich das irgendwann mal 😉

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