Abschiedsfeier die zweite

23 02 2010

Was für eine Party! Fast 30 Leute, ich mit Krawatte und Rede gehalten, 6 Stunden den Bauch vollgeschlagen, insgesamt 10 Stunden gefeiert, gesungen, umarmt, verabschiedet, alles Gute gewünscht, ungefähr 10 Kilo Geschenke bekommen, immer noch gerührt.

Mein Abschiedsparty vor ziemlich genau einem Jahr war ja in meiner Wohnung, das wäre diesmal nicht möglich gewesen, dafür ist der Wohnraum hier zu klein. Stattdessen hieß es ab 20h letzten Samstag „Hakkenden“, ein berüchtigtes Izakaya hier ganz in der Nähe. Eigentlich eine Kette, ist diese spezielle Filiale durch die Nähe zur Kunsthochschule aber soetwas wie ein Heim der feiernden Studentenschaft geworden.

Im Vorfeld hatten leider einige Leute abgesagt, wie z.B. der Französischlehrer Brice, der mir im November fast einen Job verschafft hätte (meine nur noch kurze Aufenthaltsdauer kam dazwischen) oder der Kapitän meiner Fussballmannschaft Tominaga. Dafür kamen einige von wirklich relativ weit weg, die ich eigentlich nur der Höflichkeit halber eingeladen hatte, ohne wirklich daran zu glauben dass sie kommen. Shota aus Tokyo oder Shigeru aus Ise zum Beispiel. Ausserdem Eriko aus Kanazawa ach und 1000 andere, die hier alle aufzuzählen eh nix bringt weil die ja keiner kennt (ausser Georg). Einfach ungefähr alle!

Ein paar Bilder:

Während ich meine Rede halte werde ich von den Mädchen angehimmelt...

... Und von den Jungs ausgelacht 😉

Danach gibts wohlverdienten (hab mich auf japanisch durch die Rede geholpert) Applaus und Bier

Die Mitglieder des F.C. Tomichan, die gekommen waren, beim etwas verfrühten Abschieds – war aber auch ein „Auswärtsspiel“ für sie, waren etwa eine Stunde mit dem Auto angereist

Später haben wir noch die Karaokeanlage eingeschaltet - die Unschärfe des Bildes dürfte ungefähr mit der Kakophonie des Gesangs übereinstimmen 😀

Es gibt noch Videos mit Gesang, die erspare ich euch aber lieber. Nori hat mir ein grossartiges Lied beigebracht (von ihm selbst nach traditioneller Rezeptur geschrieben), vielleicht gebe ich das mal zum besten wenn ich eine Shamisen zur Hand habe.

Mit wieder-zurück-in-Deutschland, Geburtstag und Einweihung stehen ja schon die nächsten Parties vor der Tür – alle mitlesenden sind natürlich eingeladen. Keine Kehle soll trocken bleiben, wer nachts schlafen will brauch aber garnich erst fragen!

Ansonsten: Der Pilotenstreik wurde leider ja von der korrupten Gerichtsbarkeit der Bourgeoisie gestoppt, so dass meine leise Hoffnung auf ein paar Stunden länger hier wohl vergebens waren. Dafür seh ich euch dann alle bald wieder, und das ist ja auch schön 🙂





Viel aufzuholen… Herbst!

2 12 2009

So, über 3 Monate nix mehr geschrieben, es wird mal wieder Zeit. Jaja, eine etwas maue Einleitung nach dieser langen Wartezeit. „Moshiwake arimasen“ – es gibt keine Gründe und keine Ausreden und ich entschuldige mich aufrichtig und vielmals.

Wo anfangen? Vielleicht umgekehrt chronologisch, also das kürzliche zuerst.

Es ist Herbst! Während in Nordeuropa die Bäume schon alle nackt sind, schmeissen sie sich hier in Schale. Und weil die Natur hier (auch aus religiösen Gründen) eine große Rolle spielt, ist das ein Event. Ich schreibe das ganz ohne Ironie, und wer durch die Anlagen eines Schreins oder Tempels gegangen ist, in dem die Ahornbäume feuerrot, anderes Laub golden und der Himmel himmelblau ist, kann das nachvollziehen. Statt hier vergeblich zu versuchen, rumzupoesieren, stell ich lieber ein paar Fotos rein. Hier ist nix gephotoshoppt und sonstwas, alles original und so, wie es sich dem blossen Auge auch dargeboten hat.

Achja, ich kann ja mal wieder die Vokabel des Tages einführen! Heute:

赤い – akai – rot. Interessant: 秋 – aki – Herbst klingt sehr ähnlich, und im Kanji ist rechts das Radikal für Feuer (火) untergebracht. Passt doch!

Morgen berichte ich über meinen Stadionbesuch – versprochen!





Unsanftes Erwachen

11 08 2009

Heute morgen wurde ich aus dem Schlaf gerüttelt – von der Erde. Einem leichten Zittern, ein bisschen als würde man auf einer Brücke stehen und ein riesiger Lastwagen an einem vorbeifahren, folgte ein richtiges Schwanken der Welt. Die Schiebetüren klapperten zunächst, und schepperten dann richtig. Sofort war ich Hellwach, nach 10 Sekunden war der Spuk vorbei. Wir machten den Fernseher an, wo ein Sprecher schon das Epizentrum (in Shizuoka, zwischen hier und Tokyo, also nicht so besonders weit) und die Magnitude vorlas (Im Epizentrum 6, bei uns 4)  sowie eine Tsunamiwarnung ausgab. Das sah so aus:

Heute Morgen wurden dann im Fernsehen die Schäden dokumentiert. Der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen zwischen Tokyo und Nagoya steht still, weil die Gleise nach Schäden untersucht werden müssen. Eine Autobahn ist ein Stückchen abgerutscht, einige Scheiben zu Bruch gegangen, in Shizuoka (wo das Epizentrum lag) wurden einige Gebäude beschädigt. Shizuoka ist ohne Strom und Wasserversorgung. Ausserdem gab es eine Handvoll verletzte.

Am Abend zuvor liefen im Fernseher noch die massiven Zerstörungen eines Unwetters ein ganzes Stück weiter südlich. Der Taifun Nummer 9 (die Taifune bekommen hier keine poetischen Namen, sondern werden ganz profan durchgezählt. Normal sind ca. 20 pro Saison.) hatte das Unwetter vor sich hergetrieben, und in der Gegend wo es am schlimmsten war fiel die durchschnittliche Regenmenge eines Monats in einer Stunde. Eine Frau berichtete, der Regen habe sich wie ein Wasserfall angefühlt. Bäche wurden zu reissenden Strömen, Häuser wurden weggeschwemmt. Auf dem Weg zu den Evakuierungsstellen sind einige ältere Leute und Kinder weggeschwemmt worden. 13 Tote waren gestern bestätigt, weitere 10 wurden noch vermisst.

Der Taifun war auf dem Weg zu uns. Für heute wurde gestern hier 200mm Regen vorausgesagt. Heute morgen dann die Entwarnung: Der Taifun hat sich ein Stück weggedreht und tobt sich wohl über dem Pazifik aus.

Mit ein bisschen Pech kann es also durchaus passieren, dass dir ein Taifun das Dach vom Kopf weht, die Springflut dein Fundament unterspült und gleichzeitig ein Erdbeben die Wände umkippt. Ich frage mich wie man auf die Idee kommt in einem solchen Land Atomkraftwerke zu bauen!?

Das heute Nacht war mein zweites Erdbeben hier, das erste war allerdings sehr leicht. Ich habe mich früher gefragt, wie das so ist. Jetzt weiss ich es. Die größte Sorge ist, dass das Haus zu schaden kommt, oder sogar einstürzt. Das Haus, diese Schale, die einen vor der feindlichen Natur schützt. Ein Panzer, immer da, immer sicher. Eine schlimme Vorstellung, seinen Lebensraum durch eine Naturkatastrophe zu verlieren. Ich bin froh dass nichts passiert ist, und ich bin in Gedanken bei allen, die durch eine solche Katastrophe so vieles verloren haben.





2009: Odyssee in Nagoya

2 06 2009

Gepackt von Langeweile und dem Wunsch nach einer Herausforderung habe ich gestern beschlossen, mich auf mein  Fahrrad zu schwingen und so lange den Gojogawa raufzuradeln bis ich keinen Bock mehr habe. Gedacht, getan. Die Umstände waren durchaus angenehm, eine kühle und nicht zu steife Brise wehte, die Sonne wärmte, ohne zu brutzeln, die Kirschbäume spendeten brav Schatten und der Fluss murmelte vor sich hin.

Das liess sich gut aushalten, und so dauerte es ein paar Stunden, bis ich dem Fluss überdrüssig wurde. Ich war so weit in den Norden gefahren (Kitanagoya, mein Basecamp, ist ja schon weit im Norden von Nagoya), dass die ersten Ausläufe der Natur sichtbar wurden: Der Inuyama, schon früher einmal Ziel eines Ausfluges (damals allerdings per Auto), schien nah genug, um ihn mal zu besteigen.

Vom Fluss aus war es dann doch noch ne halbe Stunde, und so langsam machte sich der Sattel bemerkbar. Doch schliesslich hatte ich mein Ziel erreicht. Die Stadt hörte tatsächlich auf. Natürlich gab es noch einen Asphaltweg, und da, wo der Berg nicht zu steil war, war die Erde auch kultiviert. Aber keine Autos, keine Menschen, enorm viel Grün. Der Weg wurde bald zu steil, und ich musste schieben, um nicht umzukippen.

Der Weg endete mit einem Schild, dass ich nicht entziffern konnte. Ich drehte mich um, und genoss die Aussicht: Da unten war tatsächlich die Stadt, soweit man blicken konnte. Und ich war hier oben. Das Summen der Stadt, das Rattern der Bahnlinie, das Heulen der Motorsense eines Landarbeiters, das Dröhnen der Flugzeuge wurde übertönt vom Zwitschern der Vögel, Zirpen der Insekten und Rauschen der Blätter.

Ich setzte mich ins Gras und liess mir die Sonne ein bisschen ins Gesicht scheinen. Neben mir wimmelten Ameisen, ein riesiger Käfer landete auf meinem Bein und liess mich aufschrecken. Ausserdem wurde ich von einer Mücke gestochen, die wahrscheinlich sonst auf Bären oder Elefanten losgeht. Die Tierwelt hier gleicht der unter einen roten Sonne (wer die Anspielung versteht bekommt 100 Fantasy-Nerd-Punkte). Nach einer halben Stunde hatte ich genug, und bekam langsam Hunger. Also machte ich mich wieder auf den Rückweg.

Um stumpfe wiederholung zu vermeiden, habe ich mir angewöhnt, möglichst oft eine andere Route zu gehen. So auch diesmal. Als ich wieder in der Zivilisation war, nahm ich also eine Abzweigung, um ein bisschen Schräg auf den Fluss zu kommen, den ich zu Navigationszwecken unbedingt brauchte. Ich war ein bisschen beunruhigt als ich nach einer Dreiviertelstunde immer noch keinen Fluss gefunden hatte. Ich blickte mich zur Orientierung um, und war verwirrt. Da war auf einmal noch ein Berg, den ich auf dem Hinweg nicht gesehen hatte. Nach der Sonne zu urteilen musste meine Richtung ungefähr gestimmt haben. Ich fuhr einfach weiter in die Richtung, in der es am wenigsten Berge gab, da musste ja das Meer sein, also auch die Innenstadt, also auch die Wohnung.

Schliesslich fand ich einen Fluss, dem ich Stromabwärts folgte, doch war das eindeutig nicht der Gojogawa. Keine Kirschbäume am Ufer, ein bisschen kleiner, komisch. Aber alle Flüsse fliessen ins Meer, also wusste ich, ich werde irgendwann irgendwo ankommen.

Der Fluss führte mich direkt zum Militärflughafen. Da floss er dann durch einen stacheldrahtbewehrten Zaun, den ich nicht unbedingt überqueren wollte. Völlig ohne Orientierung überlegte ich. Sollte ich die Strasse nach links nehmen oder nach rechts? Wie sich später herausstellte, traf ich die falsche Entscheidung. Ich war an der einen Ecke des Flughafens gelandet, und hätte nur noch die kurze Seite umrunden müssen, und wäre schon fast zuhause gewesen. So fuhr ich aber den Flughafen an der langen Seite entlang, und so ein Flughafen ist wirklich sehr lang.

Irgendwann hatte ich das Ende der Rollbahn erreicht, bog ab, und fuhr ziemlich lange gerade aus, ich wusste, die Richtung müsste ungefähr stimmen. Der Sattel hatte aufgehört sich bemerkbar zu machen, mein Arsch tat einfach nur noch weh. Ich fuhr weiter. Weiter, immer weiter. Da war schon die Hochstrasse – aber in welcher Höhe war ich? Einfach weiter geradeaus. Dann irgendwann ein Fluss – nicht der Gojogawa, aber da war ein Schild: Kitanagoya! Ich war zumindest in der richtigen Gegend.

Trotzdem fuhr ich nochmal falsch, war irgendwann schon fast in Kamiotai, also an der Grenze zur Innenstadt, als ich meinen Fehler bemerkte. Umgedreht, weitergefahren. Irgendwann endlich bekannte Hochhäuser entdeckt. Wenn diese Stadt nicht dreidimensional wäre, ich hätte keine Chance gehabt.

Nach 2 Stunden Radtour und ca. 5 Stunden Odyssee war ich tatsächlich wieder zu Hause. Mann war ich feddich. Mein Muskelkater heute ist übrigens phänomenal.

Hier hab ich mal Start und Ziel markiert. die Route war natürlich ganz anders, den Flughafen sieht man unten in der Mitte.





April April!

2 04 2009

Jaja, manche haben es sofort gemerkt (und mussten es natürlich gleich laut rausposaunen!), ich hab aber durchaus authentisch besorgte Reaktionen bekommen. Den Urhebern dieser sei gesagt: KEINE SORGE, ICH WERDE NICHT ABGESCHOBEN! Ich weiss, ich bin gemein, aber am ersten April sollte man gerade solchen Geschichten weniger glauben schenken als normal.

Nun zum Körnchen Wahrheit: Ich war vorgestern tatsächlich im Stadtteilrathaus, in dem sich eine grosse Amtsstube befindet, bis oben gefüllt mit Beamten, Anträgen, wartenden Antragsstellern. Und es spricht wirklich keine Sau englisch!

Die Anmeldung (Alien Registration) verlief trotzdem einfach (wenn man von den Problemen absieht, die ich dem Beamten mit meiner krikkeligen lateinischen Schrift gemacht habe absieht), vor allem auch dank Shoko, die zwar immer noch kaum englisch spricht, mir aber das Amtsjapanisch mit Händen und Füssen erklärt hat. Sie verdient dafür auf jeden Fall diverse Orden, wenn ich welche verteilen könnte.

Die Sprachprobleme holten uns dann schliesslich doch ein: Eine etwas übereifrige Beamtin meinte, mich auf die Krankenversicherungspflicht für Ausländer, die ein Jahr oder länger in Japan bleiben, aufmerksam machen zu müssen. Das habe ich aber erst nach ungefähr einer halben Stunde verstanden, die die arme Shoko, die Beamtin und mich zur Verzweiflung gebracht hatten.

Den Hinweis, dass ich schon Krankenversichert bin, sogar für ein Jahr und Ausland und so, interessierte die gute Frau wenig. Sie las mir (!) aus dem Gesetzestext (!) vor, in dem das mit dem Jahr oder länger usw. stand.

Die Krankenversicherung hätte 50.000 Yen gekostet (~400€), weswegen beide Seiten auf ihren Positionen („Ich brauche keine weitere Krankenkasse!“ – „Sie brauchen eine weitere Krankenkasse!“) beharrten.

Klärung brachte schliesslich die deutsche Botschaft, deren Nummer ich glücklicherweise in meinem Handy eingespeichert habe. Der Knackpunkt war das „Ein Jahr oder länger“. In meinem Visum steht nämlich, dass ich vom 2. März 2009 bis zum 2. März 2010 aufenthaltsberechtigt bin. Das ist ein Jahr, und somit einen Tag länger, als ich ohne japanische Krankenversicherung hier sein dürfte. Also habe ich der (ob der Problematik übrigens sehr erstaunten) Botschafterin erklärt, dass ich ja schon früher abreise, und dass die Angabe im Visum ja nix mit meiner faktischen Aufenthaltsdauer, sondern nur mit der Berechtigung zu tun habe, und ich bestimmt nicht „ein Jahr oder länger“ bleibe, sondern höchstens 364 Tage. Die Botschafterin übersetzte das in Amtsjapanisch, die Beamte sagte einige male „Wakarimashita, sumimasen, hai!“ („Ich verstehe, Verzeihung, jawohl!“), und die Botschafterin teilte mir mit, dass die Argumentation gezogen habe.

Äusserst erleichtert verliessen wir den Ort des Grauens, und von diesem Tag an war ich sowohl der deutschen Botschaft als auch Shoko EINIGE Biere schuldig.

Aber stellt euch mal vor, man hat als Ausländer in einem fremden Staat wirklich irgendwelche Visumsprobleme? Stellt euch vor, vor euch sitzen irgendwelche Beamten mit Gesetzestext in der Hand, und erzählen dir, dass du jetzt wieder in deine Heimat zurück musst, möglicherweise, nachdem du hier schon dein neues Leben erfolgreich begonnen hast, eine Stelle, eine Wohnung, Familie hast…

Seit Wochen geht hier der Fall der Familie Calderon durch die Medien (kurze Zusammenfassung auf englisch hier). Die Calderons waren vor 15 Jahren unter falschem Pass nach Japan eingereist, haben hier aber ein neues Leben angefangen, und eine Tochter bekommen. Diese ist jetzt 13, spricht nur japanisch und fühlt sich als Japanerin. Die Behörden haben von den falschen Pässen Wind bekommen, und haben gedroht, einfach alle (inklusive der Tochter) abzuschieben. Unter diesem Druck haben die Eltern jetzt „zugestimmt“, ihre Tochter zurückzulassen und „freiwillig“ zurück auf die Phillipinen zu gehen. Immerhin ist Japan so grosszügig, von der 5-Jahres Einreisesperre AUSNAHMSWEISE für kurze Besuche der Tochter abzusehen. Scheisse sind die nett.

Naja, zum Glück musste ich nicht unter falschem Pass einreisen. Es gibt aber genug Menschen auf der Welt, die dem gewaltigen Staatsapparat aus Beamten, Papieren, Gesetzen und Polizisten mit ihren Gefängnissen kein Stück Papier entgegenzusetzen haben, auf dem steht, dass sie auf genau DIESEM Flecken der Erde leben dürfen. Is das bekloppt oder nich?





Zurück

1 04 2009

Gestern war ich beim Amt, um die vorgeschriebene Anmeldung für Ausländer zu machen. Die Bürokratie ist schlimmer als in Deutschland, niemand spricht englisch, mein japanisch reicht vorne und hinten nicht. Die Beamten werden ungeduldig, und plötzlich ist von der japanischen Höflichkeit nichts mehr zu spüren.

Ich werde in ein Büro geführt, in dem ein hohes Tier mir sehr einschüchternd mit einem Zettel vor der Nase herumwedelt. Ich rufe bei der deutschen Botschaft an, deren Nummer ich glücklicherweise im Handy eingespeichert habe. Die Frau am anderen Ende der Leitung spricht mit dem Beamten, und erklärt mir anschliessend die Lage:

Im Flugzeug muss man einen Wisch ausfüllen, in dem steht, wo in Japan man wohnen wird. Ich muss beim Ausfüllen wohl einen Fehler gemacht haben, jedenfalls erklärt mir die Botschafterin, dass die Adresse nach der Überprüfung im Amt nicht mit Ihrer Adresse übereinstimmt. Das Amt wertet dies nun als betrügerische Einwanderung.

Ich erkläre den Sachverhalt der Botschafterin, die wiederrum mit dem Beamten spricht. Doch der liest ihr aus einem Folianten einen Gesetzestext vor, in dem Unmissverständlich steht, dass falsche Eingaben bei der Einwanderung zur wiederausweisung führen. Der Grund für das rigorose Vorgehen sei der hohe Zahl von illegalen Einwanderern aus Südostasien. Scheisse ey, Rassismus gibts überall!

Ich werde jetzt also abgeschoben, wegen illegaler Einwanderung. Ist das nicht ein Witz? Weil die Lufthansa so schnell keinen Platz mehr hatte, wird mein Rückflug „erst“ in 3 Tagen sein. Scheisse, das werden die kürzesten 3 Tage meines Lebens…





Secondhand in Nagoya und das ATELIER

18 01 2008

Nach dem klassisch touristischen Schloss in Nagoya fuhren wir durch das riesige und verworrende, teilweise sogar mehrstöckige Strassennetz aus dem Stadtzentrum raus. Unser Ziel war Kimble, ein besonderer, und wie sich herausstellen sollte grossartiger Laden. Kimble ist die anglisierte Version, eigentlich heisst es kim-bul, wobei kim Geld bedeutet, und bul alt (oder umgekehrt, ich weiss es nicht). Das Prinzip ist jedenfalls das gleiche wie bei einem Secondhandladen, nur… etwas grösser.

Nach einer halben Stunde im dichten Verkehr erreichten wir die Parkplatzauffahrt, die von einem überdimensionalen Engelsfigur gekrönt war, die wahrscheinlich zum Verkauf angeboten wurde, aber zu gross war um sie in den Laden zu bekommen. Was nicht heisst das der Laden klein ist – im Gegenteil! Um zumindest mal den Bremern einen Vergleich zu geben: Das E-Center im Walle-Center. Nur ohne Lebensmittelabteilung. Stattdessen mit ungefähr allem was man sich vorstellen kann. Und die Preise… Unglaublich:

– Tadellose Sofas ab 1000 Yen (6 Euro)

–  einen Mantel für 300 Yen (1,80 Euro)

– ein T-Shirt für 50 Yen (30 Cent)

Ausserdem Tische, Schränke, Grossvateruhren, Videos (sogar einfache Videokasetten auf denen irgendwas aufgenommen wurde!), (alte oder trashige) DVDs, Schallplatten (80er J-Pop… Yay!), Spintwände, Subwoofersysteme fürs Auto, Videospiele, Geschirr, Klimaanlagen, Autoradios, (teilweise unidentifizierbares) Handwerkszubehör, Zippofeuerzeuge, Sportgeräte, ………

Für Flohmarktfreunde, Menschen, die nicht an Sperrmüllhaufen vorbeigehen können, oder einfach Sammelwütige und Messis DER TRAUM. Blöderweise waren mir die meisten Klamotten zu klein und ich hatte wenig Bedarf für Möbel oder sonstiges Zeuch… Immerhin habe ich zwei Gläser für insgesamt 40 Yen gekauft, weil ich am Morgen beim Spülen eines zerbrochen hatte. Danach war jedenfalls mein mühsam aufgebautes Verständnis für die Preise in Japan zerstört. Als Sie am nächsten Tag stolz ein in der Stadt gekauftes Oberteil für 2000 Yen präsentierte rief ich aus: „Was, so teuer!?“… Dabei ist 12 Euro echt ok 😀

Noch erschüttert stieg ich wieder zu Ryohey ins Auto. Die Rushhour hatte begonnen, und so quälten wir uns mühsam durch die grossen Strassen, bis wir die nur Ryohey bekannten Schleichwege fanden.

Wir trafen uns mit Ihr, die gerade Feierabend hatte, und Jin am Bahnhof von Nishiharu und gingen Essen. Wir wollten danach noch etwas trinken gehen, das gestaltet sich in Japan aber wirklich schwierig: Es gibt keine Nachtlinien, und Japan verfolgt eine strikte Null-Promille-Politik. Sie war von der Arbeit erschöpft, und wir brachten sie nach hause. Dann fuhren wir zu Ryoheys Atelier, etwa eine halbe Autostunde von Nishiharu entfernt. Wir deckten uns in einem der zahlreichen 24-Stunden Convenient-Stores mit Bier ein (warum haben die Geschäfte solange geöffnet, die Bahnen aber nicht?), und gingen am Fluss entlang zum sehr schön gelegenen Atelier, das, wie es sich für ein Atelier geziemt, äusserst spartanisch eingerichtet ist: Ein leerer, weisser Raum, in dem Ryohey seine Skulpturen erstellt, ein Flur zu einer ungenutzten und vermüllten Küche und dem Planungsraum, ausgestattet mit einem Tisch, einem Stuhl, einer Lampe und einem Ofen sowie einem grell-roten Sofa zum Entspannen. Und da saßen wir dann also, wärmten uns am in Japan obligatorischen Kerosinofen, schlürften (leckeres) japanisches Bier und philosophierten über Kunst und die Unmöglichkeit mit ihr Geld zu verdienen, Japan, und seinen Lifestyle. Neben Arbeit spielt die Entertainmentindustrie eine grosse Rolle, es gibt tausende gigantische Betonklötze, in denen man seine (spärliche) Freizeit mit Pachinko, Karaoke, Sport (Golf), Videospielen und vielen anderen sinnlosen Dingen verplempern kann. Eine Propagandaverschwörungstheorie besagt übrigens, dass die Pachinkoindustrie in der Hand Nordkoreas ist… Sehr lustig 🙂

Schon bald war es Zeit zu gehen, der letzte Zug kommt wie gesagt unweigerlich früh.

Wir gingen zurück in den Regen, aus dem wir gekommen waren, Ryohey fuhr uns zum Bahnhof. Etwa 20 Minuten später war ich wieder bei Ihr, die noch wach war.

Heute ist die Eröffnungsparty einer Ausstellung am anderen Ende Nagoyas, ich muss gleich los. Morgen ist schon der vorletzte Tag. Sie hat frei, ich werde also aus Japan wohl nichts mehr schreiben können. Da ich ein wenig hinterherhinke werde ich also aus Bremen weiterberichten. Es fehlt immerhin noch Tokyo, sowie die Ereignisse aus dieser Woche.

Also, Danke an alle LeserInnen (!) und KommentiererInnen! Man sieht sich ja demnöxt 🙂