Der Morgen des blauen Drachen ist zuende

10 02 2010

朝青龍 – Asashoryu – der Morgen des blauen Drachen, der 68. Yukozuna, einer der erfolgreichsten Sumoringer in der 1500 Jahre alten Geschichte des Sumos, und einer der bekanntesten Sportler Japans, hat letzte Woche Freitag seinen Gürtel an den Nagel gehängt. Der Ringer mit dem Badboyimage war zu dem Rücktritt gezwungen, nachdem er sich wiederholt Eskapaden geleistet hatte. Ich hatte erst vor 2 Wochen geschafft, mir seinen Namen zu merken, weil er mir in den Fernsehberichten aus dem Ring immer auffiel, und schon tritt er zurück. Frechheit! Ich möchte ihn hier trotzdem kurz vorstellen, auch, weil das Sumoringen ein ganz interessantes Fenster in die japanische Kultur ist.

Asashoryu heisst eigentlich Dolgorsüren Dagwadordsch, und man muss nicht in Japan gewesen sein um zu merken, dass das kein japanischer Name ist. Der ehemalige Yokozuna (Großmeister) kommt aus der Mongolei, ebenso wie der zweite Yokozuna 白鵬 (Hakuhou – Weißer Phönix). Dass der Nationalsport der Japaner so von Ausländern beherrscht wird, ist für die eher älteren und konservativen Sumozuschauer eine Schande, und so verwundert es nicht, dass in den letzten Jahren der Zuschauerschnitt etwas sank. Nichts desto trotz herrscht Einigkeit darüber, dass der japanische Traditionssport, der übrigens zur Unterhaltung der Götter betrieben wird, eine seiner schillerndsten, aber auch talentiertesten Persönlichkeiten fehlen wird.

Asashoryus Karriere begann steil. Nach nur 24 Turnieren konnte er seinen ersten Turniersieg erringen, Rekord. Im Herbst 2002 wurde er zum Ouzeki ernannt, der zweithöchsten Klasse im Sumo. Aus dieser Zeit stammt folgender Kampf mit dem damaligen Yokozuna Takanohana (Asashoryu ist der auf der linken Seite):

Takanohana, der in diesem aufregenden Kampf seinen zukünftigen Nachfolger als Großmeister besiegen sollte, musste bald verletzungsbedingt zurücktreten. Zur etwa gleichen Zeit wurde Asashoryu die Ehre erwiesen, zum 68.  Yokozuna (der gesamten Geschichte!) ernannt zu werden. Bis zur Ernennung seines Landsmannes Hakuho 2007 blieb er der einzige Großmeister, so sehr beherrschte er die Szene, auch das ein Rekord. So gewann er 2005 alle der 6 Turniere, die pro Jahr stattfinden, und verlor von 90 Kämpfen nur 6.

Wer Yokozuna werden will muss aber nicht nur 2 Turniere hintereinander gewinnen, und kontinuierlich starke Leistungen abrufen. Mindestens ebenso wichtig ist eine gewisse Würde, und strenges Einhalten aller Pflichten eines Yokozuna. Öffentliche Auftritte in westlicher Kleidung sind ein Tabu – gebrochen von Asashoryu 2003. Auch muss man sein Haar immer in der Sumoart tragen, auch dieses Tabu brach Asashoryu. Auch innerhalb des Rings fiel Asashoryu mehrfach negativ auf, indem er an den Haaren seines Gegners zog (und sofort vom Turnier disqualifiziert wurde), einem schon besiegten Gegner noch einen Schubser verpasste, oder sich beim Schiedsrichter beschwerte. Als der Mongole einmal „verletzungsbedingt“ ein Turnier absagte, das für ihn eigentlich Pflicht gewesen wäre, dann aber beim Fussballspielen (was übrigens ein grossartiges Bild gewesen sein muss) in seiner Heimat erwischt wurde, kam es schließlich zum Eklat. Asashoryu wurde für zwei Turniere gesperrt, und verfiel in eine Depression.

Als er nach eine Therapie aus seine Heimat zurückkam, war der Presserummel groß. Der Schwergewichtige, natürlich fließend japanisch sprechende Sumotori, entschuldigte sich demütig. 2009 feierte er schließlich ein fulminantes Comeback, gewann zwei Turniere, und bezwang jedes mal seinen Yokozuna-Rivalen mit dem gleichen Heimatland, Hakuho (links, Asashoryu rechts):

Während des Turniers im Januar diesen Jahres kam es aber zu einem erneuten Zwischenfall: In einem Restaurant gab es eine Schlägerei, Asahoryu soll einem Kellner die Nase gebrochen haben. Dem vielleicht größtem Sumoringer aller Zeiten drohte die Aberkennung seines Titels, damit verbunden die Streichung aller Rentenzahlungen, die sonst üppig geflossen wären. So trat er also – unter Tränen – zurück.

Er sagte unter anderem: „Everybody talks about dignity, but when I went into the ring, I felt fierce like a devil.“ Es sei seine Bestimmung, auf diese Art und Weise seine Karriere zu beenden. Der Bad Boy wurde also den Erwartungen gerecht – ein Yokozuna hat zurückzutreten, wenn seine sportliche Leistung nicht mehr ausreicht. In diesem Fall war es seine „Würde“, die nicht ausreichte, Würdevoll war sein Abgang trotzdem. Am Ende lebt der Sport doch von seinen schillernden Gestalten, die er hervorbringt, egal ob in Deutschland beim Fussball oder in Japan beim Sumo.

 





Ein Fussballsamstag

3 12 2009

Der Samstag gehört König Fussball. Das galt vor allem letzte Woche. Schon um 11h holte mich mein Mannschaftskapitän Tomichan mit dem Auto ab – es ging nach Toyota. Toyota ist eine Stadt in Aichi (der Präfektur, in der auch Nagoya ist), die in der Tat nach der relativ bekannten Automarke benannt ist. Hier steht das Hauptwerk Toyotas, also das Wolfsburg oder Detroit Japans. Ausser Autos werden hier aber auch Tore produziert! Im Toyota-Stadion (ich weiss, die Namensgebung ist unheimlich kreativ) spielt Nagoya Grampus Eight die Hälfte seiner Heimspiele aus. Und wir hatten Karten!

Zunächst fuhren wir etwa eine Stunde durch den Moloch Nagoya City und holten einen weiteren Mannschaftskameraden ab (Koike-kun, neben einem begnadeten Fussballer auch ein guter Musiker, wie ich nach dem hören seiner CD feststellte!). Eine weitere Stunde fuhren wir durch das ländlichere Toyota (das Stadtgebiet ist tatsächlich größer als Nagoya-Stadt, dementsprechend grün bzw. gold-gelb-rot – siehe ein Post weiter unten – ist es), bis wir schliesslich unser Ziel erreichten: Das Toyota-Stadion!

Das Stadion, dass ein bisschen aussieht wie ein gelandetes UFO, ist schön am Stadtrand an einem malerischen Fluss gelegen, der von einer futuristischen Brücke überspannt wird.

Die Einlasskontrollen waren sehr lasch, so dass wir unsere mitgebrachten (natürlich unalkoholischen!) Getränke problemlos mit reinschmuggeln konnten. Wahrscheinlich könnte man alles reinschmuggeln, weil „der Japaner an sich“ aber brav ist und keinen quatsch macht, besteht wohl kein Grund zur Sorge.

Das Stadion ist ein reines Fussballstadion, was eine Seltenheit in Japan ist. Die Tribünen sind steil und hoch, man kann von überall gut sehen. Wir waren im Oberrang der Fankurve untergebracht, von wo aus man einen prächtigen Blick auf Spielfeld und Fans hat:

(Draufklicken zum vergrössern)

Im Jahr 2001 für die WM in Japan und Korea gebaut, aber dann doch nicht als WM-Standort berücksichtigt, fasst das moderne Stadion mit Faltdach 45.000 Zuschauer. Ausverkauft ist es aber nur selten – z.B. wenn Nagoya gegen die Urawa Red Diamonds spielen. Diese sind vor allem für ihre fanatischen Fans bekannt, die in Scharen ihrer Mannschaft hinterherreisen und jedes Spiel zu einem Heimspiel machen.

Der Gegner dieses mal hiess aber nur Yamagata Montedio, ein Club der etwa 12 Autostunden von Nagoya entfernt liegt. Dementsprechend wenige Fans waren in Blau gekleidet, und trotzdem flösste mir die Treue dieser Fans Respekt ein. Seiner Mannschaft, die sportlich ungefähr den gleichen Stellenwert besitzt wie der VfL Bochum in der Bundesliga, hunderte Kilometer zu folgen, um sich 2 Stunden die Seele aus dem Hals zu brüllen – das ist wohl Fussball.

Sehr angenehm überrascht hat mich das schlanke Rahmenprogramm im Stadion. Während im Weserstadion die beiden Stadionsprecher mit dümmlichen Spielen nerven und man von Sponsorengedöns zugedröhnt wird und keine Minute Ruhe hat, haben die Fans hier wirklich noch die Möglichkeit, sich vor dem Spiel warmzusingen. Während die Spieler sich also auf dem Feld warmlaufen- und schießen, feiern die Fans schon ihre Spieler. Ich weiss nicht, ob wirklich jeder Spieler ein eigenes Lied hat, die Palette an Liedern ist aber wirklich sehr breit. Hier wird gerade Keiji Tamada gefeiert:

Auffallend ist, dass es nur wenige gibt, die nicht mitsingen -klatschen. Somit ist die Athmosphäre trotz weniger Zuschauer wirklich grossartig – auch während des Spiels. Obwohl die Fans also ordentlich einheizten, plätscherte das Spiel ein bisschen vor sich hin. Vielleicht bin ich aber auch einfach von Werder verwöhnt…

Nach 20 Minuten musste ein alter Bekannter vom Feld: Joshua Kennedy, der dem ein oder anderen Fussballbegeisterten durchaus noch ein Begriff sein könnte, konnte nicht mehr weiterspielen, nachdem er einen missglückten Befreiungsschlag aus kurzer Distanz ins Gesicht bekam.

Nach etwa 40 Minuten fiel dann endlich das 1:0 für Nagoya. Grampus war über die linke Seite gekommen, der flinke Linksverteidiger Shohei Abe passte quer in den Strafraum, und der offensive Mittelfeldspieler Ogawa machte das Ding nach einer schnellen Drehung kompromisslos flach rein.

In der Halbzeitpause gabs kein Bier, dafür hätte man nämlich ziemlich weit laufen müssen. Ausserdem war es relativ kühl, und Glühwein gibts in Japan nicht. Deswegen begnügte ich mich mit einer Halbzeitkippe (im Stadion herrscht Rauchverbot!) und trank weiter meinen reingeschmuggelten grünen Tee.

In der zweiten Halbzeit machte weiter nur Nagoya das Spiel. Yamagata beschränkte sich eigentlich darauf, weite Befreiungsschläge zu machen, vielleicht hofften sie, so weitere Spieler von Nagoya aus dem Spiel zu nehmen. In der sechzigsten Minute war es dann so weit: Shohei Abe liess auf der linken Seite 2 Spieler stehen, dribbelte in den Strafraum, spielte einen kurzen Pass auf Yamaguchi der den Ball aus spitzem Winkel am Torwart vorbeischob – 2:0! Hochverdient!

Jetzt hoffte ich als einigermaßen neutraler Zuschauer darauf, dass Yamagata jetzt das Spiel machen würde. Aber nix. Spätestens am Strafraum war Schluss, und Nagoya konnte einen weiteren Angriff aufbauen. Dies passierte aber eher bedächtlich, der Trainer Stojkovic (vielleicht auch noch dem ein oder anderen ein Begriff) liess seine Jungs kontrolliert spielen. So konnte sich keine weitere Dramatik im Spiel aufbauen, immerhin blieben die Fans ihrer Linie treu und sangen ihre Mannschaft nach vorne:

Es gab noch ein mögliches Handspiel im Strafraum und das ein oder andere Foul, was man hätte ahnden können, aber nach 90 Minuten war dann auch gut. Der Schiri pfiff ab, die Mannschaft verabschiedete sich von ihren Fans, Stojkovic hielt eine Rede in der er sich für den Support diese Saison bedankte, es war nämlich das letzte Heimspiel dieser Saison, und wir machten uns langsam auf den Weg.

Wir fuhren zu einer bekannten Hamburger-Kette und schlugen uns den Magen mit Junk-Food voll, schliesslich mussten wir anschliessend auch noch Sport treiben! Es war schon dunkel, als wir schliesslich bei unserem angestammten Sportplatz in Fujigaoka ankamen. Wir machten uns warm, was bei der Kälte auch bitter notwendig war, und ich merkte schnell, dass Konzerne, die grosse Sportveranstaltungen sponsoren, dadurch auch kein sportlicheres Essen machten… Die Burger lagen mir schwer im Magen. Als wir die erste Partie anpfiffen, legte ich also gleich mal los, liess einen Spieler stehen, legte mir den Ball zu weit vor, rannte aber noch hinterher und grätschte dem verdutzten Torwart die Pille weg ins Tor! Was für ein Start!

Danach war ich erstmal total kaputt und liess es langsamer angehen. Ich hatte ja jetzt schon den Respekt meiner Gegenspieler verdient, da muss man es ja nicht noch übertreiben. Also spielte ich ein paar Fehlpässe, brachte öfters den Ball nicht richtig unter Kontrolle und machte generell nicht zu lange Wege. Unser Gegner blieb aber hoffnungslos unterlegen.

Wenn ich mal im Tor stand (wir spielen immer mehrere Partien von jeweils 10 Minuten und rotieren durch) blieben wir gegentorlos, ohne dass ich grossartig Paraden machen musste. Ich glaube wir haben den ganzen Abend nur 3 Bälle reinbekommen, einen aber von nem Mädchen, was dann gleich 3 Tore bedeutet. Wir hatten aber auch 2 Mädels, und eine von denen hat in einem Spiel gleich mal nen Hattrick gemacht. Nich schlecht!

Ansonsten verschoss ich noch einen Handelfmeter, und schoss dem Torwart die Kugel genau in die Arme, nachdem ich bei einem Konter einen Verteidiger gekonnt hab stehen lassen. Meinen später doch noch etwas größeren Einsatz musste ich übrigens mit zahlreichen Fouls bezahlen, so dass mir nach 3 Stunden alles weh tat. Ein bisschen Rückenschmerzen hab ich übrigens immer noch.

Tomichan brachte mich nach dem Spiel nach Hause, es war schon 23h. Nach einem kurzen Bad und etwas richtigem zu Essen konnte ich sogar noch eine halbe Stunde Werder – Wolfsburg sehen. Als Mertesacker in der 90. Minute den Ausgleich machte, wusste ich: Fussball is ne feine Sache!





Hans Mustermann Superstar

24 03 2009

Im Moment läuft die Baseballweltmeisterschaft, der World Baseball Classic. Unter normalen Umständen wäre mir dies nichtmal ein müdes Gähnen wert, geschweige denn einen Artikel. Da ich mich aber in Japan befinde, und Baseball hier neben Sumoringen die Nationalsportart ist, komme ich garnicht daran vorbei.

Schon letzte Woche machte mich Jin darauf aufmerksam, dass Japan gegen Südkorea gespielt hat, und zwar schon das vierte mal in dieser Weltmeisterschaft. In beiden Ländern ist Baseball sehr populär, und natürlich geht es gerade bei Japan – Südkorea um viel Prestige, das Spiel hat quasi Derbycharakter. Die Bilanz der bisherigen Spiele ist ausgeglichen. Japan zog am Samstag durch einen Sieg gegen Kuba ins Halbfinale ein. Der Gegner: Ausgerechnet USA, Heimatland des Baseball!

In der amerikanischen Major League spielt übrigens auch Japans grösster Star, Ichiro Suzuki. Dieser Name ist so gewöhnlich, dass er z.B. auf Überweisungsmustern als Beispielname genannt ist. Da dies dem Mann natürlich nicht gerecht wird, nutzt er seinen Vornamen quasi als Künstlernamen, und zwar in Katakana geschrieben, das ist die Schrift, mit der normalerweise ausländische Worte oder Lautmalereien geschrieben werden. Schon ein bisschen cool.

Dazu kommt, dass er auch noch cool aussieht und wohl einen sehr eigenen Wurf- und Schlagstil hat. In der Amerikanischen Liga hat der Mann ausserdem noch diverse Rekorde gebrochen, kann also nebenbei wohl auch noch gut spielen. Die Euphorie um ihn ist vielleicht noch mit Beckham zu seinen Hochzeiten zu vergleichen. Ichiros Präsenz in Werbung, Nachrichten und sonstigen Medien ist ein bisschen Penetrant. Aber die Japaner haben Jahre mit dem Sakana-Lied an den Fischtheken im Supermarkt überlebt, mögen blinkende Lichter und laute Werbung. Ich glaube Penetranz gehört zu dieser so höflichen Gesellschaft wie das Salz zur Suppe.

Jedenfalls war heute morgen das Halbfinale des World Baseball Classic, USA gegen Japan! In den USA! Also quasi doppelter Heimvorteil für die Amerikaner (weil Baseball ja auch schon von da kommt haben die Amis quasi IMMER Heimvorteil beim Baseball)…

Da ich die Regeln mittlerweile durch Wii-Spielen am Wochenende bei Ihren Eltern gelernt habe, stellt das Verständnis des Treibens auf dem Bildschirm mich nicht mehr vor Rätsel. Und es ist wie beim American Football: Wenn man die Regeln mal Verstanden hat kann das Spiel wirklich ganz nett sein.

Um hier niemanden zu langweilen die Kurzfassung: Im ersten Inning (es werden 9 gespielt) hauten die Amis im zweiten Schlag gleich mal einen Homerun raus, führten 1:0. Aber Japan schaffte schon im folgenden Inning durch gutes Spiel den Ausgleich und ging sogar 1:2 in Führung. Im vierten Inning schliesslich die Serie, die das Spiel entscheiden sollte: Die USA schafften es einfach nicht, Strikes gegen die Japaner zu landen. 4 Punkte konnte Japan erobern, bis endlich der letzte Spieler rausgeworfen wurde. Die Amis erholten sich von diesem Schlag nicht mehr, auch wenn sie nochmal bis auf ein 4:6 rankamen. Japan machte dann aber mit 4:9 alles klar, und zog Souverän ins Finale ein. Ichiro fiel nicht durch grosse Aktionen auf, wurde von dem Kameras trotzdem auf Schritt und Tritt verfolgt.

Japan ist im Finale! Der Gegner: Südkorea!!! Morgen früh gehts los, Ichiro ist bestimmt NICHT aufgeregt!