Die alten Berichte

Hier könnt ihr lesen was mir bei meinem ersten Besuch in Japan so wiederfahren ist…

Teil I:

gut angekommen

konichi-wa!

ich bin in japan!!! ich habs tatsächlich geschafft – nachdem ich vor aufregung 2 stunden zu früh am bremer flughafen war, mich im riesigen pariser flughafen fast verlaufen habe, mir dort beim check-in gesagt wurde dass ich in nagoya meinen koffer nicht haben könne (das fehlende billet wurde schliesslich doch gut versteckt auf der rückseite des tickets klebend gefunden), ich im flugzeug natürlich kein auge zutun konnte (wer kann im flugzeug ernsthaft schlafen?), am flughafen in nagoya nicht durch die passkontrolle gelassen wurde, weil ich yukos adresse nicht wusste, äusserst negierige zollbeamte mein gesamtes gepäck nach interessanten sachen durchsucht habe – nach all dem bin ich nun hier.

japan ist anders. das weiss jeder. was die kleinen und manchmal grossen unterschiede sind werde ich in den nächsten 3 wochen feststellen können.

meine ersten eindrücke, ganz kurz: es gibt wirklich an JEDER ecke begrüß- und bedank-personal. z.b. waren jeweils vor und hinter dem ticketentwerter am flughafen-shuttlezug freundliche damen die sich scheinbar für die benutzung eben dieser entwerter bedanken. im flughafen wird man vor den ungemein gefährlichen rolltreppen mit einer lautsprecherstimme gewarnt und sogar ticketautomaten bedanken sich höflich per sprachausgabe.

nagoya ist eigentlich keine stadt, sondern nur ein haufen häuser, die scheinbar achtlos in die landschaft geworfen wurden. aber dazu später mal mehr. ich muss mich mal von dieser nacht erholen (eine nacht in der es 5 stunden dunkel ist und die zeit einfach im nichts verschwindet…). in den nächsten tagen werde ich immer wieder etwas schreiben (wenn ichs durchhalte) 🙂

teil II

bericht eines „gaijin“

konichi-wa!

nach einigen freundlichen hinweisen auf die unzureichende bildgröße bei der letzten mail muss ich ausdrücklich entschuldigen, ich hatte eigentlich ungefähr doppelt so grosse bilder angepeilt – mein fehler. es ist schade, dass ihr so weder den „smoking-room“ im flughafen in nagoya noch den werbebanner, der mit einer „romantischen strasse“ lockt – was auch immer das sein mag. ich hoffe diesmal ist es besser, ich werde die bilder auch mit aussagekräftigen namen versehen 😉 .

In diesem moment – es ist 15:15, in deutschland 8:15 – sitze ich in der etwas kleinen aber sehr schönen wohnung von yuko, allein. sie ist seit einigen stunden auf der arbeit, so dass ich genug zeit & muße hatte mir das langweilige japanische vormittags-fernsehen anzuschauen (hausfrauen-werbung!) und versuchen konnte noch etwas zu schlafen – keine leichte angelegenheit bei enormer hitze und vor allem luftfeuchtigkeit. auch wenn sich „warm“ beneidenswert anhört – mir reicht das japanische wetter jetzt schon. zum glück gibt es überall, also wirklich überall, klimaanlagen, die das leben erträglich machen. und so sitze ich also hier, das monotone surren der klimaanlage und das hintergrundrauschen der – vor allem flächenmössig – grossen stadt, und lasse die ersten tage revue passieren: in den ersten zwei tagen einkauf – vorbereitung für die party am sonntag. japan ist das heimatland der höflichkeitsrituale, die einem seltsam und sehr fremd vorkommen. und weil man weiss, dass diese spezielle form der etikette den japanern wichtig ist, fühlt man sich etwas fremd, wenn man nicht weiss wie man dem verkäufer antworten soll, der einen freundlich anlächelt und etwas fragt. es reicht auch nur in die nähe eines angestellten zu kommen, um ihm ein „nantoka-nantoka-maaaas“ zu entlocken – vollautomatisch (kundensensor implantiert???)… in deutschland ist „der kunde könig“ – in japan ist er ein gott. es sind IMMER ALLE (!!) kassen geöffnet – so etwas wie schlangen gibt es nicht, alles ist hübsch verpackt, an jeder ecke stehen hilfsbereite aber meist ignorierte „part-time-jobber“. ich glaube die meisten japaner nehmen diesen höflichkeits-overkill sowenig wahr wie wir das „vielen dank für ihren einkauf“ auf einem kassenbon in deutschland. für mich ist es aber neu und ich weiss nicht wie ich damit umzugehen habe. deswegen fühle ich mich als „gaijin“ – „aussenmensch“ – ein etwas unhöflicher aber wie ich finde sehr passender ausdruck für ausländer.

doch so fremd man sich in der „öffentlichkeit“ fühlt (und ich glaube der unterschied zwischen privat-leben und öffentlichkeit ist in japan nochmal viel größer), so wohl und geborgen fühlt man sich unter den freunden von yuko. auch wenn man sich nicht oder nur sehr schwer verständigen kann (englisch wird hier echt kaum gesprochen), wir haben auf einer party vorgestern viel gelacht – auch, aber nicht nur, sake und co sei dank. sehr süß: japaner die lakritz probieren! grossartig! ich versuche das video was ich gemacht hab irgendwie ins netz zu bekommen und schicke dann den link. auch der oder die offenste japanerIn können nicht verstehen wie manche sowas mögen können. das japanische essen ist übrigens wirklich grossartig. wer einmal die gelegenheit hatte fisch zu essen, der so frisch ist dass man ihn nicht zu kochen brauch wird ihn nie wieder anders essen wollen. ein ganz besonders traditionelles japanisches gericht hatten wir gestern: eine art weicher weizen-fladen, in das eine dicke scheibe speziell zubereitetes fleisch und gemüse gelegt wird, verfeinert mit einer exotisch schmeckenden soße. dieses essen nennt sich „hambaga“…. mjam!

sayonara!

sebastian

ps: sorry, kein gutes foto von meiner freundin bis jetzt, kommt noch 😉

Teil III

reisebericht III

konichi-wa!

mein letzter bericht liegt schon etwas zurück, deshalb muss ich diesmal etwas ausschweifender werden – es ist viel passiert. doch zunächst müssen einige fragen beantwortet werden, die mir so gemailt wurden – ich hoffe ich vergesse niemanden…

-ich wurde noch nicht von lebendem sushi aufgegessen (O.o)

-das reisfeld auf dem einen foto ist wirklich eins, davon gibt es auch in den städten jede menge. reis ist den japanern heilig, mehr als den deutschen brot oder bier, und er ist die grundlage von fast allem. wie die bewässerung der reisfelder in den städten funktioniert weiss ich leider nicht.

-ja, japan ist ganz gross – ganz viele millionenstädte und so 😀 . yuko hat leider keinen urlaub 😦

-konichi-wa heisst guten tag 😉

-jaja, der abwasch…..

-ja, ich kriege hier alles mit (internet und so), und ja, ich bringe was schönes mit 🙂

-nagoya liegt auf honshu (der hauptinsel), südlich von tokyo, also an der ost-küste am pazifik. ein blick mit google earth lohnt sich in jedem fall, das gilt sowohl für nagoya als auch für tokyo (auf das ich im bericht noch eingehen werde), um ein gefühl für die enormen dimensionen zu bekommen.

-Das U- und S-Bahn fahren funktioniert wie z.b. in paris: ticket am automaten kaufen (der kann meistens auch englisch), in den schranken-automat stecken und durchlaufen. beim aussteigen am zielbahnhof wird das ticket dann vom schranken-automant verschluckt (ich hoffe immer wieder darauf es wiederzubekommen, nur um jedes mal aufs neue enttäuscht zu werden…)

-englische beschriftungen sind in den zentren und bahnhöfen/stationen üblich – aber nicht selbstverständlich. in den „vororten“ (sind nur weit vom zentrum weg, aber eigentlich keine vororte) oder supermärkten hat man keine chance ohne jemanden der nicht der japanischen geschrieben sprache mächtig ist. da kann es schon mal passieren dass man statt milch einen milch-ersatz kauft… so habe ich immerhin mein erstes „kanji“ (komplexes schriftzeichen das ein ganzes wort bedeutet, ursprünglich aus dem chinesischen) gelernt: milch 🙂

-Strassenschilder habe ich bisher keine (!) gesehen, mit den hausnummern ist es aber noch schlimmer: die häuser einer strasse werden nicht nach position in der strasse vergeben, sondern nach dem baudatum. das älteste haus einer strasse ist also die nummer 1. ein nicht-einheimischer hat also keine chance ein haus zu finden dass er nicht kennt. mein reiseführer empfiehlt einem polizisten oder postboten die adresse (in japanischer schrift) zu zeigen, und darauf zu hoffen dass der einem weiterhelfen kann.

-Zahlen sind (fast) alle Arabisch (das wäre ja noch schöner!)

nun aber zu dem bericht: ich muss meine aussage der ersten mail bezüglich des chaotischen stadtaufbaus zurücknehmen, nachdem ich vor etwa einer woche im zentrum nagoyas war. während die stadtteile ausserhalb des zentrums aus einer vielzahl kleiner strassen mit kleinen häusern, reisfeldern und zwischendurch mal höheren häusern (etwa 8 stockwerke) besteht verdichtet sich die stadt zur mitte hin massiv. so entspricht die fläche in einem der zentralen wolkenkratzer etwa der fläche der bremer city – so fühlt es sich jedenfalls da drinnen an: die ersten 13 etagen shopping und essen, ein geschäft neben dem anderen, im keller die u-bahn station, die oberen etagen hotels und büro-räume. die 51. – oberste – etage schliesslich ist ein sehr teures cafe mit stadtblick (zu teuer für uns), ein luxus-beauty-salon, und ein hotel (bei dem ich die preise nicht wissen will). der gesamte innenbereich sieht sehr luxuriös und sauber aus, alles ist immer wohl-klimatisiert, spiegelnder marmorfussboden und und und. ..hier kumuliert der reichtum der stadt auf eine sehr sichtbare art und weise. wir konnten es nicht lassen uns an die bar des „nagoya marriott associa hotel“ zu begeben und ein glas teuren whiskey bzw. wein zu geniessen – zwar nur im 13ten stockwerk, die aussicht war trotzdem bezaubernd. trotz der enormen dimensionen ist es enorm voll. wie ameisen laufen die leute hin- und her, jeder zielstrebig und geplant, von aussen sieht es aber aus wie – ja, wie ameisen. ich habe das hochhaus deshalb den tempel der ameisen getauft.

direkt neben dem tempel der ameisen ist der zentrale bahnhof. von hier fährt auch der shinkanzen (der japanische ice) nach tokyo. yuko und ich haben uns entschieden diesen statt eines busses zu benutzen, um in die grösste stadt der welt zu fahren (http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_gr%C3%B6%C3%9Ften_St%C3%A4dte_der_Welt). der bus braucht ca. 5-6 stunden, der shinkanzen nur 1 1/2 – und es gibt ein angebot mit hotelübernachtung. 2 personen, hin- und rückfahrt + hotel ca 180€, das konnten wir nicht ausschlagen.

so sind wir also am samstag morgen sehr früh aufgestanden (nach nur wenigen stunden schlaf) und haben uns auf den weg gemacht. in der s-bahn nur einige müde pendler, die an diesem feiertag arbeiten mussten. die sonne ging über der stadt auf, und einige fahrgäste wunderten sich über den gaijin der verzweifelt versuchte dieses schauspiel mit seiner kamera festzuhalten. am bahnhof angekommen blieb uns noch genug zeit uns mit (relativ teurem) wasser vom kiosk auszustatten und im bereits wartenden zug unsere plätze zu suchen. der shinkanzen liegt tief in den schienen, und weil der bahnsteig recht hoch ist kann man fast das dach des zuges sehen. ausser uns saßen wieder fast nur pendler mit im zug, die schliefen oder an ihren laptops arbeiteten. das surren des auf den schienen rasenden zuges wurde nur von dem klappern des service-wagens, der kaffee und grünen tee anbot, und der gewohnt freundlichen schaffnerin unterbrochen, bis eine station später zwei mädchen im schulalter in den zug stiegen und direkt uns gegenüber platz nahmen. sie liessen sich nicht von der angenehm ruhigen morgenstimmung beeindrucken, und tratschten lautstark während sie sich schminkten, und zwar während der ganzen fahrt. yuko musste am tag vorher lange arbeiten, versuchte nun also, den kopf auf meinem schoss, ein wenig zu schlafen – kein leichtes unterfangen bei dem ständigen gekichere der hühner (sorry) neben uns. ich liess mich derweil von dem schauspiel, an dem wir vorüberrasten, beeindrucken: nagoya schien kein ende zu nehmen. zwischendurch wurden die häuser niedriger, das verhältnis der reisfelder zu den häusern nahm kurzfristig zu, trotzdem waren immer soviele häuser zu sehen das man sich nie weit weg von der stadt fühlte. die reisfelder nahmen wieder ab und die häuser wurden höher, und schliesslich fuhr man in einen bahnhof einer neuen stadt ein. so ging es immerzu. nur an einigen stellen, in denen der zug ein stück ins gebirge fuhr, oder das gebirge näher ans wasser kam, gab es stellen die offensichtlich unbebaubar waren – in den meisten fällen waren sie dann auch unbebaut… nach einiger zeit dann kamen keine reisfelder mehr, und die hochhäuser wurden immer mehr. mehr und mehr riesige gläserne türme reckten sich zum himmel empor – tokyo.

ein meer aus häuserschluchten, wolkenkratzern, eisenbahnlinien, autos, alles glitzernd in der vormittagssonne. als der zug hielt und wir aussteigen konnten war ich überwältigt von den menschenmassen. ich hatte auf einigen demos vielleicht schon mehr leute gesehen, aber hier lief alles hektisch in alle richtungen und durcheinander, ohne sinn und verstand, „sarariman“ (angestellte) in anzügen und aktentasche in der hand, frauen im dress und mit handtasche, mädchen in atemberaubend kurzen röcken, freakige, punkige leute, ältere leute mit mundschutz, mütter mit kindern, bahnhofspolizisten… tausende menschen, überall, auf dem weg nach irgendwo, fremd, stur, oberflächlig, freundlich, hektisch… nach einer viertelstunde herumirren im bahnhof schaffen wir es schliesslich an die oberfläche. tageslicht! sonnensschein! sogar bäume! und überall um uns herum gigantische bürohochhäuser, strassen, autos, stahl, glas. yuko fragte irgendeinen polizisten nach dem weg nach ginza, unserem ersten ziel. ich wusste von ginza nur, dass es das teuerste shopping-viertel tokyos ist, und war gespannt auf das, was mich erwarten würde. unser weg war nur kurz, und ich war überwältigt von den vielen eindrücken die auf mich niederprasselten während wir durch die häuserschluchten liefen. ginza selber kündigte sich mit den ersten sehr schick gekleideten wohlhabenden an, die mit uns in eine richtung liefen, an den ersten schmuckgeschäften und modeboutiquen vorbei auf die hauptstrasse ginzas.

… ich schreibe nun seit fast 3 tagen an diesem bericht, und wenn ich in dem tempo weitermache werde ich nie fertig. ab hier also die kurzfassung von dem was noch passierte:

yuko besuchte einen buchladen nach dem anderen, zwischendurch noch spezielle papier-geschäfte, und wir waren mehrmals im apple-store. zu dem apple-store in ginza gibt es ein sehr lustiges video, in dem gezeigt wird wie gross das interesse an der eröffnung war: http://www.youtube.com/watch?v=9TyR3fyLO_I. so interessant ginza für yuko war, so langweilig wurde es für mich zunehmend. shopping ist für mich nur ein mittel zum zweck, für den grossteil der menschen hier war es der zweck. ich fand die hübschen auslagen und geschniegelten menschen eher ein bisschen eklig, und so gerieten wir in einen kleinen disput darüber, ob wir noch länger in ginza bleiben sollen oder nicht. wir handelten einen kompromiss aus, und nach (gefühlten) 10 weiteren buch- und papiergeschäften verliessen wir endlich das paradies für gelangweilte frauen reicher männer.

ich wollte etwas grün sehen, und so machten wir uns auf den weg zum grossen park, in dem auch der palast des gott-kaisers angesiedelt ist. wir genossen die künstlichen grünanlagen und schlechte technomusik, die in enormer lautstärke von irgendwo kam. schliesslich legten wir uns auf den gepflegten rasen und machten ein nickerchen. ausgeschlafen und frisch machten wir uns dann auf den weg, etwas essbares zu finden. wir aßen schliesslich traditionell japanisch: reis, miso-suppe und roher fisch, der von aussen ein klein wenig angebraten war. während wir durch den dschungel aus stahl und glas streiften ging die sonne über tokyo unter, der himmel verdunkelte sich und die lichter tokyos gingen an.

es war zeit für den höhepunkt des tages: der besuch des mori-building (auf japanisch mori-biru), von dessen spitze aus man über ganz tokyo sehen kann. im fahrstuhl bekamen wir leichte probleme mit dem druckausgleich, immerhin fuhren wir über 200m in wenigen sekunden. oben angekommen bot sich uns ein schauspiel, was weder beschreiben noch fotografieren liess. ein RIESIGES meer aus milliarden lichter, die in allen farben leuchteten, blinkten, fuhren, flogen, grosse und kleine lichter, strassenlaternen, die erleuchteten fenster der bürogebäude, erleuchtete fassaden, autoscheinwerfer, warnleuchten an den spitzen der hochhäuser…… alles bildete einen glitzernden teppich von unbeschreiblicher schönheit, mit leuchtenden adern, durch die sich autos schlängelten, mit kleinen und grossen schwarzen löchern dort, wo sich parks befanden, mit riesenrädern am horizont, dem hell erleuchteten tokyo-tower, einem baseball-stadion in dem grade ein spiel stattfand, winzig erscheinenden flugzeugen, die unablässig starteten und landeten, und überall fühlte man das leben hinter diesen lichtern pulsieren, millionenfach… es war atemberaubend. wir genossen den ausblick ausgiebig, und gingen mehrmals die komplette fensterfront entlang, die einen echten 360grad blick erlaubte. ein wirklich einmaliges erlebnis, eines, was man nie vergessen wird. und sooooooooooo romantisch 🙂

es war dann doch irgendwann zeit zu gehen, wir trafen uns noch mit einem ex-kollegen von yuko, um zusammen bier zu trinken. in den klassischeren restaurants und bars zieht man sich die schuhe aus und kniet zu tisch. für die toiletten gibt es extra hausschuhe, damit man sich nicht etwa die socken nassmachen muss (die toiletten sind aber im allgemeinen sehr gepflegt, aber nochmal ein kapitel für sich, ich werde in dieser ohnehin viel zu langen mail nicht mehr darauf eingehen). auf dem weg zurück zum hotel, vollgefressen und angeheitert, noch ein jähes erwachen in dieser glitzer-stadt:

das, was vor einigen stunden noch ein bahnhof war, ist jetzt ein schlafsaal: hunderte (!!!) von obdachlosen suchten hier schutz vor der kälte, auf kartons gebettet, die glücklicheren eine flasche sake (reisschnaps) in der hand. ich war erschüttert von der armut, die genauso brutal und real war wie der reichtum in ginza. zweifel nagten an mir, der ich vollgefressen und behäbig, geblendet von dem glanz dieser stadt, blind war für das elend von hundertausenden in dieser stadt, millionen in diesem land, milliarden auf dieser welt. diesmal, als wir an den in den himmelragenden wolkenkratzer vorbeiliefen, war ich fassungslos. sie waren nicht mehr hell erleuchtet von innen, sie waren schwarz und leer, sie warteten nur darauf, belebt zu werden, während einige meter weiter die menschen auf pappe schlafen mussten, weil eine wirtschaftskrise ihnen irgendwann den lebensunterhalt und die perspektive geraubt hat. das hotel in dem wir untergebracht waren war wie ein hohn: schmierige freundlichkeit, verschwenderischer prunk, goldenes gedöns, roter teppich, ein etwas tuntiger page (hat jemand den flim „four rooms“ gesehen? genauso war der page…), der uns persönlich zu unserem zimmer geleitete. ich war angewidert und liess es mir doch gut gehen: wir genossen die badewanne, das breite, weiche bett, den ausblick aus dem 34. (!!!) stock. für mich war dies schon unvorstellbarer luxus, und die vorstellung, dass dieses hotel nur ein mittelklassiges war, dass es menschen gab, die so reich waren dass… man es sich einfach nicht mehr vorstellen kann… der nächste tag war von all diesen trüben gedanken unberührt. zu schnell fliessen die eindrücke auf einen ein, als dass sie mehr hinterlassen als ein hintergründiges rauschen, das leicht übertönt wird von der bunten hektik einer stadt wie tokyo. wir sahen noch eine spielhalle (das deutsche wort klingt lächerlich angesichts dessen was sich einem dort darbietet), eine s-bahn station in der jede minute eine bis oben hin gefüllte s-bahn einläuft und sich komplett auf den bahnsteig entleert, den platz mit den meisten menschen und der meisten lauten werbung auf einem fleck die ich bisher erlebt habe, jede menge interessanter gestalten (unter anderem eine frau mit ca. 30cm langen fingernägeln), einen riesigen cd-laden (hab mir eine cd von kasabian gekauft, hörproben hier: http://www.kasabian.de), einen weiteren buchladen mit einer enormen manga-sektion, einen pachinko-turm (http://de.wikipedia.org/wiki/Pachinko), 3 festliche umzüge (keine ahnung was gefeiert wurde), ich aß ein eis mit grünem-tee geschmack (seltsam), und vieles vieles mehr, auf das ich nicht mehr eingehen kann.

ich hoffe ihr habt alles gelesen, ich hab mir sehr viel mühe gegeben 🙂 . ich werde später noch ein paar fotos rumschicken, habe jetzt grade keine lust mehr auf den computer. bitte schreibt mir fleissig was so in deutschland passiert, wie es euch geht usw.
Teil IV

karaoke, kanazawa und keine-lust-zurückzufliegen

hmpf, jetzt ist mir gerade ein gutes stück arbeit durch einen falschen mausklick verlorengegangen… also alles nochmal: dies ist mein wahrscheinlich letzter reisebericht aus japan. schon am sonntag fliege ich um 10h zurück, um nach 15 stunden flug wieder in bremen zu sein. somit ist eine wunderschöne zeit meines lebens dabei, erinnerung zu werden – mein blick nach vorne ist also ein wenig wehmütig. euch werde ich aber natürlich nur mit dem blick zurück auf ein paar lustige und schöne tage unterhalten:

letztes wochenende entschieden wir uns, nach einer langen arbeitswoche für yuko, den samstag abend „typisch japanisch“ zu verbringen: karaoke! eines der drei „künste des sarari-man“ (also des normalen angestellten) – pachinko, karaoke und golf (von golf hab ich übrigens noch nichts gesehen, weiss also nicht was es damit auf sich hat – aber das sagt man halt so) – bei der man seine gesangskunst zu instrumentalversionen bekannter songs unter beweis stellen muss. so luden wir also yukos beste freundin shoko ein und besorgten einen ausreichenden bier-vorrat. yuko musste an dem tag länger arbeiten und kam erst nach hause, als shoko und ich uns schon reichlich am (übrigens erstaunlich guten) japanischen bier gelabt hatten. wir waren also gezwungen yuko zu schnellem trunk zu animieren, damit wir alle auf ein gleiches niveau herabsinken konnten, was zum karaoke-singen ausreichen würde. als wir schliesslich aufbrachen (wir fuhren mit dem fahrrad), wurde mir schnell klar, dass die motorik der beiden damen doch stark nachgelassen hatte. so fuhren wir also einen nur mässig direkten weg zu unserem ziel, einem entertainment-drome etwas ausserhalb nishiharus (der bezirk nagoyas in dem yuko wohnt). die fahrt wurde überschattet von einem sturz yukos ins reisfeld – sie bog einfach plötzlich links ab, da war aber nichts, ausser eben dem reisfeld… schliesslich erreichten wir den riesigen klotz in der landschaft, der mit grellem neonlicht an der aussenfassade auf sich aufmerksam machte. vor uns türmten sich etwa 15 fensterlose stockwerke, gefüllt mit sich an karaoke, pachinko und videospielen vergnügenden stadtmenschen. nach einem kurzen irrweg durch die labyrinthe des neon-palastes (fotos davon auf meiner flickr-seite http://www.flickr.com/photos/38566372@N00/) wurde uns schliesslich eine kabine zugewiesen, die etwa 6 leute fasste und ausgestattet war mit tisch & sesseln (einer davon mit massage-funktion), einem grossen bildschirm und einem kleinen bildschirm. mithilfe einer fernbedienung und dem kleinen fernseher war es möglich, getränke und snacks zu bestellen, was wir ausgiebig nutzten. auch yuko bestellte sich ein bier, nur um direkt darauf einzuschlafen – alle versuche sie zu wecken blieben fruchtlos. so blieben shoko und mir nichts anderes übrig als abwechselnd zu singen und dabei bier zu trinken (was wir dann auch taten). die bandbreite der songs die man sich aussuchen konnte zu singen war enorm – so gab es etwa 120 beatles-songs zur auswahl. allerdings gab es zu meiner enttäuschung kein einziges lied von pink floyd (zugegebener massen auch nicht grade als karaoke-kracher verschrien). im nachhinen fällt mir auf, dass wir ein lied vergessen haben zu singen, auf das wir uns schon vorher gefreut hatten (und mit dem wir uns auf dem weg auch schon aufgewärmt hatten): dem fisch-lied „Osakana Tengoku“, was in jedem supermarkt an jeder fischtheke in einer 24-stündigen endlosschleife läuft und einen sehr leicht in den wahnsinn treiben kann: die ÄUSSERST einprägsame melodie und einfacher text, gepaart mit einer geradezu aggressiven guten laune stimmung werde ich wahrscheinlich mein ganzes leben nicht vergessen… sakana sakana sakanaaa, sakana wa totero to … karada karada karadaaa, karada ni ii no sa (fisch fisch fisch, wenn du fischt isst, körper körper körper, es ist gut für deinen körper)… naja, wir haben jedenfalls vergessen dieses grossartig-schreckliche lied zu singen. nach einigen stunden wachte yuko übrigens noch auf und musste unbedingt singen. ich weiss noch dass ich an diesem abend erstaunt war wie gut sie singen kann und es gleich mit meiner kamera aufzeichnen musste… als wir uns gestern jenes video ansahen waren wir beide erstaunt wie schlecht ihre leistung in wirklichkeit war.

der rückweg im morgengrauen ist nur verschwommen in meiner erinnerung – doch ich erinnere mich daran, die stille als sehr unnatürlich – wie nach einem atomkrieg – empfunden zu haben. die insekten, welche die nächte mit enormen zirp-konzerten beschallen waren schon zu bett gegangen, die vögel schliefen noch, und keine menschenseele war zu sehen…

nach einem solchen abend verbringe ich eigentlich den tag komplett im bett – doch wir mussten yukos eltern besuchen fahren. also krochen wir – von flüchen und ächzen begleitet – aus dem bett und in den zug. ich weiss nicht mehr genau wie, aber wir haben es tatsächlich geschafft nicht unseren zug zu verpassen. ohne etwas gegessen zu haben ausser einer kopfschmerztablette (und jeder weiss dass die auf nüchternem magen nicht gut tun) kamen wir nach ein paar stunden fahrt in kanazawa an, wo wir von yukos eltern abgeholt wurden. sie waren sehr nett und hatten verständnis für unsere situation, und wir lachten zusammen über yukos schramme am hals, die sie sich beim ausflug ins reisfeld zugezogen hatte. die kommunikation lief mit den paar brocken englisch, die „otosan“ (vater) sprach, mit meinen 30 wörtern japanisch (von denen die hälfte unhöflich und deswegen an dieser stelle nicht zu gebrauchen war), und über eine übersetzungsfaulen weil verkaterte yuko, sowie mit händen und füssen. alles in allem sehr spassig – wäre da nicht der kater gewesen!!!

wir fuhren in ein nobles japanisches restaurant, in dem ich dann endgültig für die japanische küche gewonnen wurde: uns wurde ein menü geboten, welches aus gefühlten 24 gängen bestand: köstliche suppen, allerlei arten roher fische, krebse, in einer speziellen soße am tisch gebratene fleischspiesse, japanischen trüffeln, shrimps, besonderen reisgerichten, und unglaublich viel mehr… das beste katerfrühstück meines lebens, und eines der besten essen überhaupt! kanazawa würde übrigens von dem grossteil seiner einwohner als „verschlafenes nest“ bezeichnet werden, hat es doch nur lächerliche 400.000 einwohner. hauptindustrie sind tourismus und japan-traditionalien (sprich: japan-kitsch). es gibt einen hübschen schlosspark (fotos wieder auf meiner flickr-seite) und eine geisha-stadt, wo in recht alten und gut erhaltenen häusern ganz traditionell tee serviert wird, man einen einblick in das leben der („höherklassigen“) menschen der edo-zeit werfen kann und viel traditionelles zeug sehen. sehr interessant alles. der tee schmeckt mir zwar immer noch nicht, doch das knien auf den tatami-matten, das spiel der alten geisha-instrumente, der kleine, aber sehr hübsche garten, der leichte nieselregen war sehr meditativ.

ich muss langsam mal schluss machen (hab auch keine lust mehr), kann nur noch soviel sagen: yukos eltern und ich haben noch reichlich geschenke ausgetauscht (neben ess-stäbchen habe ich unter anderem mehrere bilderbücher, einige dosen sake und ein paar socken (!!!) bekommen) und uns sehr gut verstanden – trotz sprachlicher hürden. ich war sehr überrascht als sie mir die zeitung der kyosanto (der japanischen kommunistischen zeitung) zeigten, die eigentlich eine normale tageszeitung ist, mit fernseh-programm und allem, nur wohl ein wenig links angehaucht, und jedenfalls von ihnen abonniert wird. yuko fand das ganz normal. ausserdem hab ich noch yukos schwester eriko kennengelernt, und habe mich sehr gut mit ihr verstanden (sie kann ja auch englisch :)).

wenn ich wieder in bremen bin schreib ich nochmal. ich muss jetzt die letzten 2 tage geniessen!!!

liebe grüße

sebastian

Teil V

wieder da…

langer flug… wenig schlaf… vier (!) hollywoodfilme aus dem im sitz eingebauten monitor… mäßiges essen, mehrere tomatensaft (mehrzahl benutzen? eigentlich nich, oder?) und ein whisky. ich hab jetzt beschlossen im flugzeug immer einen tomatensaft und später einen whisky zu trinken. eigentlich finde ich beides eklig, im flugzeug aber irgendwie passend. der abschied war natürlich grausam. und das lag nicht daran dass wir in der nacht davor sowenig geschlafen haben (ich musste noch packen… und so…). ich war noch stunden später so traurig, dass mir bei den schnulzigen stellen in den filmen die tränen kamen. in bremen war es dann ganz grau und kalt. die wohnung leer (kai im urlaub), das bett zu gross. vor meinem fenster erstreckt sich plötzlich nicht mehr das panorama einer millionenstadt, sonder der neue markt, der plus, der tabakladen… AAAAAAAAAAH!!!! schrecklich. wie nahe freude und schmerz manchmal sind…

ok, genug der sentimentalitäten. ich freue mich auch ein bisschen beim einkaufen alles zu kennen, jeden zu verstehen und ganz entspannt durch die gegend laufen zu können ohne zu fürchten aus unwissenheit irgendetwas falsch zu machen. ich freue mich, gesehen zu haben wie gross die welt ist, wie anders menschen leben, mal die erfahrung gemacht zu haben ganz anders zu sein, das leckere japanische essen genossen zu haben, sogar ein wenig japanisch gelernt zu haben, und nicht zuletzt einfach frei gehabt zu haben 🙂

vielen dank für eure mails und das lob für mein geschreibsel bzw die geduld alles gelesen zu haben 🙂

sebastian

One response

21 05 2007
David

Und wo ist jetzt der Teil, dass ich Richard Kruspe bin?!?

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